"Die große Leidenschaft international zu arbeiten" - Lukas Kampa und Bundestrainer Andrea Giani im Interview

Kapitän der deutschen Nationalmannschaft Lukas Kampa. Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ Kapitän der deutschen Nationalmannschaft Lukas Kampa. Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ In knapp einer Woche (28. Mai) beginnt für die deutsche Männer-Nationalmannschaft die Volleyball Nations League (VNL) in Rimini (Italien). Im Vorfeld sprechen Bundestrainer Andrea Giani und Kapitän Lukas Kampa über die Ziele in der VNL, die Event-Bubble, die lange Liga-Saison und die Vorfreude auf den Start in die Nationalmannschaftssaison.

Andrea, du bist am 29. April zur Mannschaft nach Kienbaum angereist. Wie war dein erster Eindruck von der Mannschaft?

Andrea Giani: "Mein Eindruck war direkt sehr gut, die Atmosphäre im Team ist super. Man merkt den Spielern den Enthusiasmus vor dem anstehenden Turnier an. Sie sind in physisch gutem Zustand hier angekommen sind, zumindest die allermeisten." (Lukas lacht)

Lukas, seit dem 10. Mai bist du bei der Mannschaft. Du hast deine Saison in Polen mit dem Meistertitel gekrönt. Leider hindern dich aktuell Knieprobleme an der Teilnahme am Mannschaftstraining. Wie ist der aktuelle Stand?

Lukas: "Ich habe zwar aktuell keine großen Schmerzen, war aber unsicher, wie stark ich belasten kann. Nach einem MRT wurde gemeinsam mit der medizinischen Abteilung beschlossen, dass ich das Knie noch ein paar Tage schonen werde und dementsprechend etwas später zum Team in die Bubble reisen werde."

Wie kräftezehrend war die vergangene Liga-Saison, die unter so ungewohnten Bedingungen in der Pandemie stattfand?

Lukas: "Für mich war es die längste Saison seit langem. Oder zumindest die längste Zeit, die ich am Stück im Ausland war: Ganze 10 Monate, da die Vorbereitung schon früh im Juli angefangen hat. Zu Beginn der Saison hatte ich die Sorge, dass sich die Atmosphäre in der Halle immer nach Trainingsspielen anfühlen wird. Irgendwann habe ich es als neue Normalität empfunden, leider. Das Ende mit dem Meistertitel, war natürlich in der Geisteratmosphäre ohne Fans besonders schade für alle. Aber ich habe es trotzdem immer geschafft, diese Wettkampfspannung aufzubauen und zu halten. Die angeordnete Quarantäne-Pause zwischendurch war für mein Alter dann ganz angenehm mit der hohen Frequenz der Spiele." (lacht)

Andrea: "Ich fühle mich nach der Liga-Saison auch etwas müde. Die vergangenen Monate haben Kraft gekostet. Aber gar nicht so sehr wegen Corona, sondern hauptsächlich, weil keine Fans vor Ort dabei waren. Durch die Geisteratmosphäre bei den Spielen, wurde die ganze Saison sehr zäh, speziell in der zweiten Saisonhälfte, dann trägt sich das Niveau nicht mehr von selbst. Wenn man das mit einem Auto vergleicht, fühlt sich das so an: Die extra Portion Energie, die es braucht, um die Zündung zu starten, das sind für uns die Fans in der Halle. Wenn die Stimmung und die Fans fehlen, dann muss man diese zusätzliche Energie selbst aufbringen, ohne dass sie wie sonst ganz selbstverständlich von außen kommt. Und das hat Kraft gekostet, das merken wir."

Bundestrainer Andrea Giani. Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ
Bundestrainer Andrea Giani. Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ

Die VNL wird in diesem Jahr während der gesamten Zeit in einer Bubble stattfinden. Wie geht ihr in der Vorbereitung darauf ein?

Andrea: "Es nicht einfach sich darauf vorzubereiten. Die Situation wird für alle Mannschaften neu sein. Wir kennen das zwar von Europa- oder Weltmeisterschaften, dass viele Teams über eine gewisse Zeit so lange an einem Turnierort zusammen sind, aber so eng und so eingepfercht waren wir dann doch noch nicht. Sonst hat man bei der VNL zumindest immer die Abwechslung der Reisen zwischendurch. Schwer vorherzusagen, wie es tatsächlich vor Ort in der Bubble sein wird. Zum Beispiel auf dem Hotelgelände oder am Pool, wie wird das organisiert? Kommen hier alle Teams zusammen, wird es Zeitslots geben? Diese Sachen werden wir erst zu 100% vor Ort erleben und Klarheit haben."

Lukas: "Wie Andrea sagt, wir müssen hinfahren, uns vor Ort umschauen und an die Situation anpassen. Ich glaube vom sportlichen Aspekt wird es ähnlich wie bei einer EM oder WM: Ein Turnier an einem Ort und man legt den Fokus von Spiel zu Spiel. Der Unterschied: der Spiel-Rhythmus der VNL ist vorgegeben, bis auf das Finale gibt es keine Überraschungen im Ablauf, keine Gruppenphase mit ungewissem Ausgang. Das Gute: Wir kennen den Plan und können ihn so Stück für Stück abarbeiten. Speziell wird sein, dass wir vorwiegend vormittags spielen und dementsprechend abends trainieren. Das ist eher ungewöhnlich, dass man so früh am Tag in den Wettkampfmodus muss und dafür die Trainingseinheiten abends stattfinden. Darauf kann man sich aber auch einstellen."

Andrea: "Im Moment gibt es schon die ein oder andere späte Trainingseinheit und dafür auch schon ein 6-gegen-6 am Vormittag, um das Gefühl für diesen Rhythmus zu bekommen."

Die obligatorische Frage nach den VNL-Favoritenteams

Andrea: "In diesem Jahr ist es besonders schwierig Favoriten-Teams auszumachen. Auch sonst ist das nie leicht, weil so viele Mannschaften an der VNL teilnehmen, aber in diesem Jahr ist es besonders schwer. Zum Beispiel werden einige Teams nicht in Topbesetzung anreisen oder möglicherweise Spieler während der VNL wechseln. Und genau das gibt wiederum anderen Mannschaften die Möglichkeit im Turnier weiter zu kommen, als unter den normalen VNL-Bedingungen. Deswegen wird es sehr wichtig sein, aus den Spielen gegen eben diese Mannschaften, die in der VNL-Besetzung nur wenig zusammengespielt haben, Profit zu schlagen und Punkte zu sammeln."

Worauf liegt euer Fokus bei der VNL?

Andrea: "Ein Fokus, den wir legen wollen, ist die Annahme. Hier wollen wir einen guten Rhythmus bekommen, stabil sein und das von Spiel zu Spiel optimieren. Es muss unser Ziel sein, keine zu großen Spannungen zu haben, um unser Sideout stabil zu gestalten. Wir setzen uns in diesen 5, hoffentlich 6 Wochen Zwischenziele und geben nicht von vorneherein eine Endplatzierung aus. Wir werden die Entwicklung analysieren und daraufhin die nächsten Schritte und Zwischenziele aufbauen. So können wir für uns festlegen, wie viele Punkte wir aus den nächsten drei Spielen mitnehmen können und wollen."

Lukas: "Das VNL-Turnier mit seinen vielen Spielen bietet auf der einen Seite die Möglichkeit schnell zu korrigieren, wenn ein Spiel nicht so gut war. Aber ich glaube, dass am Ende die Konstanz mit Punkten belohnt wird und je weniger Ausschläge man nach unten hat, umso besser wird man durch das Turnier kommen. Konstanz kann die Basis sein sich gegen Ende des Turniers noch zu steigern und dementsprechend weiterzukommen. Und da ist ein stabiles Sideout ist ein ganz wichtiges Element."

Mit welcher Gefühlslage geht ihr in die VNL?

Andrea: "Mit einer großen Vorfreude, großer Leidenschaft wieder international zu arbeiten. Das ist jetzt meine 5. Saison mit dem deutschen Team und es entwickelt sich noch keine Routine. Wenn ich das Gefühl hätte, es wird zur Routine, dann würde ich es nicht mehr machen."

Lukas: "Für uns ist es im Grunde der erste richtige Wettkampf mit der Nationalmannschaft seit Januar 2020. Von daher ist die Vorfreude sehr groß sich endlich wieder international zu messen. Ich hoffe, dass wir nicht allzu lange brauchen, um uns daran zu gewöhnen. (lacht) Aber ich denke, wenn so viele Mannschaften zusammenkommen, wird sich dieses Gefühl eines großen Turniers sehr schnell einstellen."

Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ
Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ

Wie beurteilst du die Mischung im Team aus erfahrenen Spielern und den jungen die jetzt dazugekommen sind?

Lukas: "Entweder sie werden immer jünger oder ich werde immer älter. (lacht) Erik Röhrs, Eric Burggräf und Florian Krage habe ich jetzt zum Beispiel zum ersten Mal persönlich getroffen. Die Integration der jungen Spieler geht immer sehr schnell, weil man sich ja z.T. aus der Liga kennen und alle unterstützen sich gegenseitig. Das ist bei mir jetzt zwar schon eine Weile her, aber ich weiß noch, dass ich als junger Spieler diese Integration als sehr schnell wahrgenommen habe. Alle sind total offen, keiner versteckt sich, man spricht viel. Wir haben auch kein besonderes Aufnahmeritual, alle Haare bleiben dran (lacht)."

Andrea: "Natürlich haben wir bei der VNL die Möglichkeit auszuprobieren, neue Spieler in unserem Spiel zu testen. Wir sind auf die Wechsel sogar angewiesen, weil man die VNL nicht mit einer Mannschaft durchspielen kann. Ich möchte gar nicht so auf das Alter schauen. Bei der Frage, wen wir mitnehmen, geht es gar nicht darum ob jung oder alt, sondern, dass die Spieler das Potenzial haben uns zu helfen. Diese Spieler haben alle ein Niveau, dass ein Wechsel keinen Qualitätsverlust bedeutet. Eigentlich wollte ich schon am 25. April hier sein, um noch einige Tage mit den U23-Jungs zu verbringen, aber da wir mit Modena jetzt noch im Finale standen, war das leider nicht möglich. Aber meine Co-Trainer waren mit der U23 vor Ort dabei und wir waren viel im Austausch. Toll, dass wir diese Möglichkeit haben die Jungs zu sichten, um zu sehen, wer uns bei der VNL helfen könnte."

Wie lautet die Zielsetzung für die VNL 2021 für das deutsche Team?

Lukas: „Wir wollen in der Weltrangliste nach oben klettern und das ist auch absolut machbar. Die Vergabe der Weltranglistenpunkte hat sich insofern geändert, dass es einen deutlichen Mehrwert hat, wenn man Teams schlägt, die in der Weltrangliste höher stehen. Gerade wenn die Mannschaften, die in diesem Jahr noch zu Olympia fahren, nicht mit ihren Topleuten von Beginn an dabei sind, dann sind unsere Chancen größer zu gewinnen und davon müssen wir einfach profitieren. Wir spielen leider zwar keine olympischen Spiele, aber dementsprechend wird für uns die VNL neben der EM das Highlight in diesem Sommer. Und das klare Ziel lautet: Aufwärts in der Weltrangliste.“

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