Alles hat ein Ende
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+++Over and Out+++
Das war´s also! Die Olympischen Spiele in Rio sind für mich passé und haben für den deutschen Volleyballsport und natürlich Laura und Kira Unglaubliches gebracht: GOLD, zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren – Wahnsinn. „Live your passion“ lautete das Motto der Spiele in Rio. Meine Leidenschaft ist der Volleyballsport, deswegen waren meine ersten Olympischen Spiele in offizieller Mission natürlich ein tolles Erlebnis. Es glänzte in Rio aber nicht alles, der tragische Todesfall des Kanutrainers Stefan Henze traf uns alle sehr, die Armut und Kriminalität gibt es an allen Ecken zu sehen. Ansonsten sieht meine zwei Wochen-Bilanz so aus:
- 2x Gold
- 9 deutsche Siege und 6 Niederlagen
- 20 Caipirinha (geschätzt)
- 19-stündige An- und Abreise
- 2 wunderschöne Ausflüge auf den Corcovado und den Zuckerhut
- Max. 5 Stunden Schlaf im Durchschnitt
- Ohrenschmerzen durch das Buhen der brasilianischen Fans
- Beinahe-Nervenzusammenbruch bei Sicherheitskontrollen
- Tolles Zusammenleben mit meiner WG (Bernd Schlesinger und Ron Gödde)
- Super Presse-Kollegen, die toll über unseren Sport berichten
- Vorfreude auf Deutschland und die Familie
+++Von Promis und klauenden Äffchen+++
Die Flora und Fauna in Rio de Janeiro ist vielfältig. Zwar nicht unbedingt am Strand, aber wenn es in die Berge und auf den 710 Meter hohen Corcovado mit dem Wahrzeichen der Stadt, der 38 Meter hohen Christus-Statue, geht, ändert sich das Bild. So gab es beim touristischen Pflichtprogramm Nasenbären und Affen zu besichtigen, die neugierig näher kamen, als die Touristen aßen und tranken. In einem unbeobachteten Moment sprang das Äffchen auf den Tisch, schnappte sich zwei Ketchup-Packungen für sich und seinen Artgenossen, und zischte wieder ab. Anschließend wurde der Ketchup genüsslich und bis auf den letzten Tropfen ausgeschleckt. Am Abend vorher gab es große „Tiere“ im Beach-Stadion zu sehen. Die Stars aus der NBA, der US-Profiliga im Basketball, gaben sich beim Spiel ihrer Landsfrauen Kerri Walsh Jennings/April Ross die Ehre. Kevin Durant, Draymond Green, DeAndre Jordan und Jimmy Butler tranken Bier, tanzten im Rhythmus der Musik und feuerten das US-Duo mit „USA, USA“ an. Nach dem Spiel gratulierten sie der dreifachen Olympiasiegerin und ihrer Partnerin, die von dem Besuch nichts wussten. Zuvor waren bereits US-Schauspieler und Oscar-Preisträger Matthew David McConaughey oder Franziska van Almsick im Käfig, pardon, Stadion an der Copacabana gesehen worden. Auch sie wollten die einmalige Atmosphäre genießen. Ob sie sich anschließend auch Ketchup einverleibten, darf bezweifelt werden…

+++Mein Volleyball-Besuch+++
Am Samstag besuchte ich das erste Mal einen anderen Wettkampf – mit einer dicken Träne im Auge. Denn ich war beim Volleyball im Maracanazinho und hätte dort zu gerne auch Georg Grozer, Lukas Kampa oder Maggi Kozuch, Maren Brinker & Co gesehen. Der Sport half darüber hinweg, denn Brasilien gegen Italien (Männer) war Volleyball im ICE-Tempo mit phantastischen Ballwechseln. Italien siegte 3:1, und im Gruppenfinale zwischen Brasilien und Frankreich könnte der Verlierer AUSSCHEIDEN. Wohlgemerkt, das ist der Weltranglisten-1. gegen den Europameister! Die Stimmung in der Halle war überragend, die brasilianischen Fans lieben ihre Volleyballer und feuern diese frenetisch an. Drei Reihen vor mir saß FIVB-Präsident Ary Graca und schaute sich das Spektakel, welches u.a. mit einer neuartigen Spider-Cam übertragen wurde. Über die Niederlage dürfte der Brasilianer weniger erfreut gewesen sein, doch die Tatsache, dass Beach-Volleyball und Volleyball in Rio eine große Nummer sind und den Sport weltweit in den Fokus rücken, macht aus Graca in diesen Tagen einen zufriedenen Mann. Und übrigens habe ich mal wieder eine deutsche Sportlerlegende getroffen und mit Franziska van Almsick gleich ein Selfie gemacht :-)

+++Heimvorteil+++
Klar, die brasilianischen Teams haben einen Vorteil, sie kennen die Copacabana und wahrscheinlich jedes Sandkorn auf dem Center Court und werden von ihren Fans bedingungslos unterstützt. Gleich bedeutend erwartet die Nation, erwarten die Fans mindestens zweimal Gold von ihren Helden Larissa/Talita, Agatha/Barbara, Alison/Bruno Schmidt und Pedro Solberg/Evaldo. Drei der vier Teams sind noch im Turnier vertreten, die drei Erstgenannten stehen im Viertelfinale. Souveränität strahlten sie aber nicht aus, der Druck muss unmenschlich sein. Druck üben die Zuschauer auch auf die Spielerinnen und Spieler der anderen Nationen aus: Sie pfeifen und buhen bei gegnerischen Aufschlägen und bejubeln Fehler der Gegner, ungewohnt im Beach-Volleyball. Das kommt nicht bei allen gut an, Olympiasieger Julius Brink sagt: „Es gibt den Faktor der brasilianischen Fans. Für alle Teams, die gegen Brasilien spielen, ist es ein Hexenkessel. Es sind fast schon unfaire Bedingungen - unsere Sportart ist eigentlich die fairste Sportart der Welt - und die Bilder finde ich zum Teil nicht repräsentativ für Beach-Volleyball.“ Andererseits unterstreicht es den Stellenwert des Sports in Brasilien im Allgemeinen und des Beach-Volleyballs im Besonderen: „Die Stimmung nehme ich den Brasilianern nicht übel, sie sind einfach so. Das zeigt auch ihre Leidenschaft und Begeisterung für unseren Sport, davon können sich auch unsere Zuschauer mal eine Scheibe abschneiden, ohne dass ich sie zu Unfairness auffordere“, so Karla Borger. Einigen wir uns auf Fußball-Stimmung an der Copacabana, und am Ende gewinnt Deutschland...
+++Schlüssel zum Erfolg+++
Du bist der „Schlüssel zum Erfolg“. Wer hört das nicht gerne und dann auch noch bei den Olympischen Spielen. Auf diesen Titel hätte ich in diesem Fall aber gerne verzichtet und zwar deswegen: Gestern stiefelte ich wie gewohnt mit meiner Akkreditierung zum Einlass, dort wurde mir aber beim Einscannen der Zugang verweigert. Auf mein Intervenieren, dass ich seit mittlerweile fünf Tagen ohne Probleme ein und aus gegangen bin, reagierten die Sicherheitsbeamten mit Verständnis, aber ohne Gnade. 30 Minuten musste ich warten, ehe mich eine nette, junge Frau aus der Akkreditierungszentrale ausnahmsweise durchschleuste. Am Nachmittag das gleiche Prozedere, und ich war „leicht“ entnervt. Glücklicherweise befindet sich mit dem brasilianischen Ex-Bundesligaspieler (Moers und Bühl, aktuell in Israel) Mark Plotyczer ein Mann im Pressehelferstab, der gut englisch spricht und half. Und tatsächlich: Er besorgte mir eine neue Akkreditierung („Wenn das damit funktioniert, bist du der Schlüssel zum Erfolg“, weil auch andere Kollegen diese Probleme haben), mit der ich heute Morgen ohne Probleme und einem freundlichen Lächeln der Sicherheitskräfte in den Pressebereich gelangte.
+++Winter in Rio+++
Es ist Winter in Brasilien! An Schnee denkt da natürlich keiner, an kühle Temperaturen eigentlich auch nicht. Doch am 10. August war es so weit: T-Shirt, Pullover und Jacke – so sah mein Outfit bei kühlen 18°C und leichtem Nieselregen aus. Natürlich habe ich keine Regenjacke dabei, wer denkt denn an so etwas. Dass die Presseplätze im Stadion nicht überdacht sind, Pech. Dafür sitzt es sich im auf ca. 15°C klimatisierten Pressezelt vor dem Bildschirm umso besser. Anstelle einer kühlen Caipirinha gibt es warmen Kaffee und warme Gedanken: eine Medaille für die deutschen Beacher, eine Caipi am Strand oder auch nur Sonne, kurze Hose und T-Shirt. Schon geht es mir besser!

+++Dürftiges Futter+++
Olympische Spiele! Der Traum von Sportlern, Funktionären und auch Journalisten. In Sachen Verpflegung gibt es aber große Ernüchterung. Während es in Deutschland und anderswo üblich ist, dass auf großen Turnieren Getränke und auch der ein oder andere Happen gereicht werden, sieht es in Rio ganz mau aus: schlecht schmeckender Kaffee und Wasser in der „Refreshment Station“. Das war´s für die Presse! Selbst die Sportlerinnen und Sportler müssen gewaltige Abstriche zu sonst machen. Es gibt ein Verpflegungs-Package, bestehend aus einem Sandwich, einem Salat und etwas Obst. Nudeln oder überhaupt warmes Essen – Fehlanzeige! Deswegen bekochen sich die Teams selbst bzw. gehen in die hiesigen Restaurants. Dort gibt es das Angebot, nach „Gewicht“ zu zahlen. Gemeint ist natürlich das Gewicht der Nahrung und nicht das des Verzehrers;-) Ich bin immer dankbar, wenn mich Scout Ron abends mit einem Verpflegungs-Package aus dem Spielerbereich versorgt und wir in unserem Apartment das Ganze gegen 1.30 Uhr in der Nacht verzehren.
+++Viele Sicherheitskräfte, aber...+++
Sicherheit wird in Rio natürlich ganz groß geschrieben. Angeblich sollen 85.000 Personen für die Sicherheit der Athleten und Gäste garantieren. In der Tat sind in den Straßen zahlreiche Polizisten und Soldaten zu sehen, z.T. mit Maschinengewehren bewaffnet. Über dem Beach-Volleyballstadion schwebt neben dem TV-Hubschrauber auch einer des Militärs, zudem patrouliert ständig ein Schiff der brasilianischen Marine vor der Küste. Dennoch kann natürlich nicht alles verhindert werden, weil die Täter zum Teil ohne Skrupel vorgehen. So wurde ein deutscher Journalistenkollege in einem öffentlichen Bus (neben ihm waren noch ca. 15 weitere Fahrgäste an Bord) mit vorgehaltener Schusswaffe ausgeraubt. Sein Handy musste dran glauben, was ärgerlich, aber sicherlich zu verschmerzen ist. Nicht auszumalen, was hätte passieren können.
+++Ein Flair, das ansteckt+++
Der Strand, die Promenade, die Lebenseinstellung der Brasilianer. Alles ist für Beach-Volleyball perfekt. An den Stränden von Copacabana und Ipanema reihen sich Beach-Volleyballfelder aneinander, Könner und Amateure spielen Seite an Seite. Und wenn die Olympiastars auf einem der öffentlichen Courts spielen (natürlich gegen Bezahlung, umsonst gibt´s nix), ist das Gedränge am Spielfeldrand groß. Die Stars genießen dieses Flair sichtlich, sind sie doch sonst auf den "sterilen" Trainingsplätzen abgeschottet.

+++Stars zum Anfassen+++
In Rio ist das who is who des Beach-Volleyballs. Schön ist: Die Stars sind alle zum „Anfassen“, schlendern normal (ohne Security) an der Promenade und lassen sich mit den Fans ablichten. Und wir reden nicht von den Ägypterinnen, sondern von der dreimaligen Olympiasiegerin Kerri Walsh, den Brasilianerinnen oder unserem „Laura-Darling“. So gewinnt der Sport nicht nur innerhalb des Spielfelds neue Fans, sondern auch außerhalb.
+++Ein Trainer als Chefkoch und ein Kindertzimmer für zwei+++
Wir sind in einem Privat-Appartment im Stadtteil Leme untergebracht. Wir, das sind Bernd Schlesinger (Trainer Böckermann/Flüggen), Scout Ron Gödde und ich, der "Pressefuzzi". Das Appartment gehört einem Deutschen, der für die Zeit der Olympischen Spiele einen kleinen (?) Nebenverdienst haben wollte. Schlesinger wohnt allein in einem Zimmer, Ron und ich teilen uns das Kinderzimmer. Das Leben in unserer Rio-WG ist sehr angenehm: Bernd ist der unumstrittene Chef-Koch, bereitet das Frühstück mit Kaffee und Rührei zu und tischte uns am Ankunftstag auch Nudeln auf. Die Einkäufe teilen wir uns, wir halten es ziemlich spartanisch mit Brot, Käse, Schinken und Marmelade. Das abendliche Bier (Bernd trinkt lieber Wein) lassen wir uns aber natürlich auch nicht nehmen. Prost!

+++Der Start+++
Rio de Janeiro, Olympische Spiele. Dann auch noch meine ersten in offizieller Mission. Die Aufregung war (und ist) natürlich groß, los ging es am 4. August um 22.10 Uhr deutscher Zeit. Ich befand mich in Begleitung von Scout Ron Gödde, der aus Münster mit dem Zug nach Frankfurt angereist war. Leider hatten wir keinen Direktflug, sondern landeten in Sao Paulo um 5.00 Uhr morgens brasilianischer Zeit (fünf Stunden zurück). Und dort mussten wir auch noch den Flughafen wechseln: eine Stunde Fahrt mit dem Taxi quer durch die Millionenstadt, die wir lieber nur aus der Luft erkundet hätten. Letztlich kamen wir um kurz nach 11.00 Uhr in Rio de Janeiro an, der arme Ron war insgesamt 25 Stunden unterwegs...