„Ich habe immer daran geglaubt“

Foto CEV: Emma Cyris schreit ihre Freude heraus Foto CEV: Emma Cyris schreit ihre Freude heraus Deutschlands Diagonalangreiferin Emma Cyris hatte bei der U18-Europameisterschaft in den Niederlanden mit ihren Leistungen einen großen Anteil am Abschneiden und Platz sechs, der gleichzeitig die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Argentinien bedeutete. Dabei war bis kurz vor dem Start noch nicht einmal klar, ob sie überhaupt mitfahren konnte, nachdem sie sich weniger als zwei Monate vorher den Mittelfuß brach. Im Interview spricht sie über ihre Leidenszeit, die Reha und ein fulminantes Comeback in Rekordzeit.

Foto CEV
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Emma, knapp acht Wochen vor dem Start der EM hast du dir den Mittelfuß gebrochen. Wie ist das passiert?

Wir haben mit dem VCO Berlin II am 05. Februar in der 3. Liga gegen den Tabellenersten gespielt. Nachdem wir den ersten Satz gewonnen hatten, lief es im zweiten Durchgang schlecht und wir lagen mit 6:16 hinten. Ich bin bei einem Angriff zum Pipe angelaufen und habe gemerkt, wie der Fuß beim Absprung geknackst hat. Nach der Landung fiel es mir schwer zu laufen, bzw. ging das Laufen gar nicht mehr. Außerhalb des Feldes wurde ich gleich medizinisch versorgt und daraufhin hat Jens (Bundes- und VCO-Trainer Jens Tietböhl, Anm. d. Red.) entschieden, dass wir das Spiel abbrechen, weil wir nicht genug Leute waren.

Wie ging es nach deiner Verletzung weiter?

Jens  und Josepha Bock (Mitspielerin, Anm. d. Red.) haben mich ins Unfallkrankenhaus Berlin gefahren, wo ich geröntgt wurde. Zu Beginn hieß es, dass nichts gebrochen sei, da die Ärzte auf dem Röntgenbild nichts sahen. Am nächsten Tag sind wir dann zu unserem Teamarzt Dr. Miltner gefahren und dieser hat direkt noch ein MRT machen lassen. Am Dienstag bei der Auswertung kam dann leider heraus, dass ich eine Mittelfußfraktur links und ein 2cm langes Knochenmarködem hatte. Der Arzt meinte jedoch damals schon, dass – wenn alles gut läuft und ich hart arbeite – kurz vor der EM wieder Sprünge möglich wären und ich spielen darf. Natürlich war mir bewusst, dass alles glatt laufen müsste, aber ich habe immer daran geglaubt und seine Aussage gab mir Hoffnung. Am gleichen Tag begann ich noch mein Reha-Programm.

Wie war die Zeit bis zur Vorbereitung mit der Jugendnationalmannschaft?

Vier Wochen lang musste ich mit Krücken und einem Astronautenschuh laufen. In dieser Zeit habe ich immer fleißig mit einem individuell abgestimmten Trainingsplan an der Erhaltung meines Körpers gearbeitet, vor allem an der Muskulatur im linken Bein. Ich habe zusätzlich im Sitzen in der Halle ein bisschen gepritscht und gebaggert, um das Gefühl beizubehalten. In den vier Wochen zog ich dann täglich meinen Trainingsplan durch und wurde professionell von unserer Physiotherapeutin Annika Brinkmann begleitet.

Wann wusstest du, dass es gut vorangeht?

Nach 4 Wochen hatte ich noch einmal ein MRT und es stellte sich heraus, dass der Bruch schon gut zusammengewachsen war und das Knochenmarködem sich zurückgebildet hatte. Der Arzt meinte bei der Auswertung, dass ich noch eine Woche den Schuh tragen soll, aber die Krücken weglassen darf. Ich behielt meinen Orthopädie-Plan und mein Volleyballtraining in der Halle bei, und durfte schon etwas im Stehen baggern und schlagen. Nach der Woche sollte ich den Schuh weglassen und erstmals ganz normal laufen, ohne zusätzliche Belastung. Außer in der Orthopädie-Physio, wo ich gezielt angefangen habe, mit meinem linken Mittelfuß wieder konkret zu arbeiten und ihn immer mehr zu belasten.

Wie ging es weiter?

Mittlerweile war es schon der 13. März und in 2 ½ Wochen sollte die EM losgehen. In der „OrthoPhysio“-Praxis habe ich weiter täglich konzentriert an meiner Körpererhaltung und der Stärkung des linken Mittelfußes gearbeitet. Auch in der Halle durfte ich langsam wieder Annahmebewegungen ausführen, vom Schlagtisch angreifen und Aufschläge im Stand machen. Ab dem 19. März – an diesem Tag haben sich die anderen Nationalspielerinnen in Kienbaum getroffen – machte Annika mit mir meine Physiotherapie und leichte Sprünge auf dem Trampolin in Berlin. Jeden Tag kam eine kleine Steigerung dazu und ich fühlte mich gut und sicher.

Wann bist du dann zur U18-Nationalmannschaft nach Kienbaum gereist?

Am 23. März bin ich dann nach Kienbaum gefahren und Annika hatte mir davor einen individuellen Trainingsplan vom 24. bis 28. März geschrieben. Im Nachhinein war das die entscheidende Zeit. Ich wusste, wenn jetzt alles glatt laufen würde, konnte ich ab dem 28. März wieder voll springen, natürlich erst einmal dosiert mit 25 Sprüngen täglich. Ab dem 04. April dürfte ich, laut Dr. Miltner, dann durchspielen. Die letzten Tage in Kienbaum habe ich normal im Training mitgemacht und bin nur nicht gesprungen. Ab dem 25. März – nach der Ankunft in Nordhorn – haben Verena und ich immer früh am Morgen für 1,5h im Fitnessstudio gearbeitet und Annikas Trainingsplan konzentriert durchgezogen.  Mein Gefühl im Fuß war gut, ich spürte den leichten Druck, welcher hin und wieder auftrat, immer weniger. Auch habe ich täglich mit unserer Physiotherapeutin Julia gearbeitet. Der Trainingsplan hatte für jeden Tag eine Steigerung in der Sprungintensität und Variabilität vorgesehen, welche ich problemlos meistern konnte.

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Wann bist du dann wieder voll ausgesprungen?

Am 28. März war ich bei Barts (Co-Trainer und Scout, Anm. d. Red.) Tante Wendy, einer langjährigen Physiotherapeutin in den Niederlanden. Sie meinte, dass ich mich anders hinstellen soll, damit mein Fuß mehr arbeitet und somit stabiler wird. Der Bruch ist zusammengeheilt, ich sollte mir keine Sorgen machen und wir könnten mit einem Tape zusätzlich viel erreichen. Am gleichen Tag habe ich im Fitnessstudio meine ersten reaktiven Blocksprünge und meine ersten, voll ausgesprungenen, Stemmschritte absolviert. Danach bin ich noch in die Halle nach Nordhorn gefahren, wo ich wir für 45 Minuten Einzeltraining in Annahme und ausgesprungenen Angriffen hatte.

Du wurdest vor der EM sogar noch Kapitänin. Wie war es für dich?

Am 30. März hat Jens in unserem Teammeeting verkündet, dass ich – nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Pia (Pia Timmer, Anm. d. Red.) – Kapitänin werde. Das waren natürlich eine große Ehre und ein zusätzlicher Motivationsschub für mich, mein Bestes zu geben. Gerade einmal vier Tage nach meinen ersten ausgesprungenen Stemmschritten begann die U18-Europameisterschaft in Arnheim.

Wie hast du die ersten Spiele erlebt?

Nach Absprache mit der medizinischen Abteilung durfte ich in den ersten beiden Spielen immer für circa ein halbes Spiel auf Außen zum Einsatz kommen, um mich an die Atmosphäre und die Courts zu gewöhnen. Mein Gefühl im Fuß war gut und ich konnte beschwerdefrei spielen. Nach dem Ruhetag gab Jens bekannt, dass ich gegen die Niederlande auf Diagonal beginnen würde. Ich habe durchgespielt und war gleich punktbeste Spielerin mit 20 Punkten. Das Spiel haben wir 3:1 gewonnen und als Team gut zusammengearbeitet, was mir persönlich auch sehr geholfen hat. Gegen Russland startete ich auf Diagonal, wurde dann ausgewechselt und im letzten Satz auf Außen gebracht.

Dann ging es in die entscheidende Phase

Es ging los mit dem Spiel gegen Bulgarien. Nachdem ich zuvor schon auf Außen spielte, startete ich dort erneut und spielte komplett durch. Ich hatte das Gefühl, dass mein Timing bei hohen Bällen noch nicht optimal war, aber im Großen und Ganzen war ich durchaus zufrieden - vor allem mit der Leistung des Teams. Ich war auch hier punktbeste Spielerin mit 14 Punkten und wir gewannen.

Zu guter Letzt habt ihr noch gegen Polen um das WM-Ticket gespielt.

Nach dem zweiten Ruhetag, den ich genutzt habe, um mit unserer Physiotherapeutin Julia zu arbeiten, spielten wir um das WM-Ticket gegen Polen. Auch dieses Spiel habe ich wieder durchgespielt und vor allem stark aufgeschlagen. Im Angriff hatte ich, auch durch die Hilfe meiner Trainer, über die gesamte Zeit mehr Lösungsvarianten und wurde selbstsicherer. Wir haben 3-1 gewonnen und ich war überglücklich. Am letzten Spieltag hatte ich dann auch noch meinen 16. Geburtstag und meine Eltern kamen vorbei.

Im Nachhinein betrachtet: Dachtest du immer, dass du es schaffen kannst?

Ich habe von Anfang an dran geglaubt, dass ich bis zur EM wieder fit werde. Mir war klar, dass alles klappen müsste. Wenn ein Termin oder eine Frist nicht optimal verlaufen wäre, hätte ich die EM nicht spielen können. Ich wurde über die ganze Zeit hervorragend medizinisch, aber auch mental versorgt. Ich habe komplett auf Zucker verzichtet, um meinen Körper optimal heilen zu lassen. Meine Mannschaft hat mir auch sehr viel geholfen, mich aufgebaut und an mich geglaubt. Das hat mir sehr gut getan. Ich möchte mich noch einmal bei allen bedanken, die es möglich gemacht haben, dass ich bei dieser EM – meinem ersten großen Turnier in der Halle – trotz eines Mittelfußbruchs vor acht Wochen teilnehmen konnte und zweimal punktbeste Spielerin wurde. Vielen Dank für alles!

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