München 1972: Als „Kleber“ nach Olympia - Olympische Reminiszenzen der etwas anderen Art ...

München 1972: Als „Kleber“ nach Olympia - Olympische Reminiszenzen der etwas anderen Art ... So war das damals: Ich konnte in zivil (ohne meine Dienstkleidung!) mit meinem Einkaufstütchen durch den Stellplatz (vor der Volleyballhalle) für den Einmarsch schlendern.

Vor 40 Jahren nahm erstmals eine DVV-Nationalmannschaft an Olympischen Spielen teil (die DDR-Männer waren schon 1968 dabei). Ich hatte damals als Sprecher in der Olympiahalle das Vergnügen, die Spiele in der 1. Reihe zu erleben ... Und so ergeben sich Erinnerungen und Flashbacks an München 1972 aus einem etwas anderen Blickwinkel. Z.B: wie ich die Security austrickste und Bekanntschaft mit zwei „Klebern“ machte und auch verstand, warum es Analogien zwischen Schlagzeugern aus Rockbands und schlagenden Volleyballern gibt.

Angefangen hat das Abenteuer Olympia 1972 mit meiner Berufung als Sprecher in der Volleyballhalle (einer von vier Sprechern, wohlgemerkt. Ich erinnere mich nur noch an den Kollegen „Brett“ – der später als Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider an der Universität Paderborn im Bereich Volleyball „groß raus“ kam ... )

Sprecher

Die Ausbildung zum Sprecher begann schon ein Jahr vor den Spielen. Ausgangspunkt war ein schlechtes Tape von einer Ansage bei einem Bundesligaspiel des Lichtbund Niederrhein, es folgte eine Einladung zu einer Wochenendschulung in München. „Man“ hatte eine Mikrofonstimme. Die Konsequenzen waren recht angenehm: mehrere Schulungen in München, oft schulfrei, alles kostenlos, dann Testturnier. Bemerkenswert die absolute Formalisierung bei den Durchsagen: nach olympischen Brauch immer drei Sprachen, immer dieselben Standards, bei der Siegerehrung aber eine Panne: trotz intensiven Nachfragens durften nur die Namen der Ehrenden genannt werden, keine Titel. Offensichtlich eine Panne, zu der sich nachher keiner so recht bekennen wollte: „Die Siegerehrung wird vorgenommen von Herrn Libaud aus Frankreich, “ musste ich sagen. Wer außer den Insidern kannte schon den damaligen FIVB-Präsidenten Libaud?

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Foto: Siegerehrung in München 1972 mit FIVB-Präsident Paul Libaud vor den "Einspielboxen".

Das deutsche Team – der deutsche Auftritt

Klaus-Dieter Buschle, Bernhard Endrich, Hans-Ulrich Graßhoff, Rüdiger Hild, Klaus Meetz, Hatto Nolte, Hans-Georg von der Ohe, Volker Paulus, Toni Rimrod, Wolfgang Simon, Ulf Tütken, Uwe Zitranski, Trainer: Manfred Kindermann, Co-Trainer: Hermann Pfletschinger.

Erstmals nahm ein DVV-Team an einem olympischen Volleyball-Turnier teil – im Damen- und im Herrenbereich. Beide Teams waren überfordert und konnten mit dem internationalen Niveau nicht mithalten – aus nachvollziehbaren Gründen. Die deutschen Teams zahlten Lehrgeld – nur den Männern gelang ein einziger Sieg (3:1 gegen Tunesien). Die deutschen Frauen verloren alle Spiele ... und wurden hernach sehr hart kritisiert. Gerd Westphal, Mitglied im Orgateam und später Dozent an der Universität Münster sowie Funktionär im Westdeutschen Volleyball-Verband, huschte gelegentlich rüber ins Olympische Dorf, um seine Freundin „Uschi“ Westphal zu trösten ... Aber: trotz aller Kritik (auch an den Männern) gab es nach München 72 in Deutschland einen riesigen Volleyball-Boom – ein nie gesehener Zuwachs von Aktiven und Mitgliedern in kürzester Zeit.

Ich hatte Gelegenheit, nicht nur die sportlichen Lektionen der deutschen Teams mitzuerleben, sondern auch die wunderbare Aufbruchstimmung der deutschen Volleyballer: der Aufmarsch der Nationen für den Einzug ins Olympiastadion fand hinter der Volleyballhalle statt – es war eine tolle Stimmung, bei strahlendem Sonnenschein wurden die Spiele eröffnet.
Umso schlimmer war hernach das Attentat der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“. Ich hatte an dem Morgen keine Nachrichten gehört, registrierte aber auf der Fahrt zum „Dienst“ eine merkwürdige Stimmung in Straßen- und U-Bahn. Man sprach nicht – oder gedämpft. Das Volleyballturnier wurde für einen Tag unterbrochen. Wir wissen heute: es wurde den Terrorristen leicht gemacht – wohl auch, weil eine etwas naive Grundstimmung vorherrschte: Wenn wir weltoffen, liberal und lieb sind, sind es die anderen auch.

Die „Kleber“

Vor jedem großen sportlichen Event kommt für den Trainer und einige Spieler die bittere Stunde der Wahrheit: wer kommt in den finalen Kader, wer muss als Letzter und Vorletzter verzichten? „Päule“ Brisken und „Hamster“ Wegner bzw. Paul Georg Brisken vom USC Münster und Klaus Wegner vom MTV Celle mussten damals die bittere Pille schlucken: sie waren die Nr. 13 und 14 und damit nicht im 12-Kader.

Immerhin wurde das harte Schicksal der Jungs abgefedert durch eine gute Aktion des DVV. DVV-Credo: Wer als letzter rausfliegt, bekommt eine wichtige Aufgabe beim Turnier und darf dann doch dabei sein – immerhin hatten die Jungs sich geschunden und hart gearbeitet und sollten auch belohnt werden. Die Belohnung für Wegner und Brisken bestand in einem „heißen“ Job: sie mussten vor jedem Spiel die Spielernamen auf eine große Anzeigetafel per Klettband befestigen (die Volleyballhalle hatte keine großflächige elektronische Anzeigetafel!). Brisken und Wegner wurden vom Spaßvogel im Volleyballteam, dem Münchner Toni Rimrod, mit dem Titel „Kleber“ bedacht – dieser Namen wurde von allen Mitarbeitern übernommen.

Security?!

Mit meinem Arbeitsausweis kam ich in die meisten Wettkampfstätten, aber natürlich ohne Sitzplatzanspruch. Es ging auch mehr um die Atmosphäre. Die Radrennbahn hinterließ bleibende Eindrücke, das Schwimmstadion mit seiner atemberaubenden (damals!) Architektur und den fantastischen Wettbewerben (Mark Spitz!) war unschlagbar. Natürlich wollte man auch nur allzu gerne ins Olympische Dorf – dazu reichte der „normale“ Arbeitsausweis jedoch nicht.

Es gab jedoch einen einfachen Trick, um die Security zu überlisten: Alle Ausweise – für die Aktiven und die Helfer – hatten dieselbe Struktur. Der Zugang zu bestimmten Bereichen war durch bestimmte Buchstaben geregelt. Also: Buchstaben für´s Village ausfindig machen und rauf damit auf den Ausweis. Mit den richtigen Buchstaben von der Firma Letraset (in einem Münchner Schreibwaren-Fachhandel käuflich erworben) „veränderte“ ich meinen Ausweis und umging damit die Security. Aufpassen musste man nur beim Vorzeigen des Ausweises. Hier musste man auf den Blickwinkel achten - beim Schrägblickblick auf den laminierten und glänzenden Ausweis blieben die neu aufgetragenen Buchstaben „stumpf“ und glänzten nicht. Also musste man darauf achten, dass die Security im Winkel von 90 Grad direkt frontal auf den Ausweis blickte...
Durchaus bemerkenswert: das gesamte optische Styling der Spiele (Icons, Farben, Schrifttypen etc.) waren vom Designer Otl Aicher und seinem Team kreiert worden. Dass die Schrifttypen (Typ: Grotesque 215, 30 pts ) schon während der Spiele im Handel zu erwerben waren – sicherlich auch eine Sicherheitslücke.

Im olympischen Village war in der höchst populären Disko der Titel „Popcorn“ (von Hot Butter) einer der ganz großen Renner. An einem Abend sah ich Mark Spitz als gelangweilten Nichttänzer. Insgesamt hatte er 7 Goldmedaillen gewonnen.
Heute undenkbar die Situation damals vor dem Olympischen Dorf: Vor dem Village natürlich jede Menge Security – die aber (vor dem Attentat) sehr kulant reagierte. Am Zaun zum Olympischen Dorf lungerten jede Menge Autogrammjäger, die hin und wieder fündig wurden, wenn Sportler sich auf der anderen Seite erbarmten und durch den Zaun schrieben – im wahrsten Sinne des Wortes für Zaungäste, die sich Muster in die Nasen drückten. Am Zaun konnte man sich auch mit Verwandten und Bekannten treffen und ein Schwätzchen halten. Heute unvorstellbar.

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Foto: Japaner glücklich, Sprecher Sabarz auch: am Orga-Pult ganz links.

Es gäbe noch eine ganze Reihe von „Dönekes“ zu erzählen – zwei aus dem Bereich Volleyball sind vielleicht erwähnenswert: da waren zum einen die "legendären" Einspielboxen in der Volleyballhalle, die zunächst als ganz große Innovation angepriesen wurden: man wollte den Wechselspielern ein ungestörtes "Einspielen" hinter dem Feld ermöglichen und das Publikum sollt nicht abgelenkt werden. So befanden sich an den Kopfenden der Halle je eine ca. 12 m lange und 4 m breite Riesenkiste (ein Holzgerüst mit Sperrholz und Pressspan verkleidet - nach oben offen), die aber einen ungeheuren Lärm erzeugten, wenn von innen Bälle gegen die Holzwände flogen. Es dröhnte und schepperte, als wenn Stones-Schlagzeuger Charlie Watts gegen die Wände hämmern würde – die großen Holzflächen sorgten für eine unheimliche Resonanz.

Schlagzeilen
Für eine große Resonanz sorgte auch eine Anzeige wegen Körperverletzung gegen den japanischen Trainer Koji Kojima, Trainer der japanischen Frauennationalmannschaft. Er fiel auf durch die rüde Behandlung seiner Spielerinnen, die schon mal beim Training einen Ball ins Gesicht bekamen oder angeblich angespuckt wurden. Der FAZ Journalist Ulfert Schröder möbelte die Öffentlichkeit mit einem großen Artikel auf: „Das Land des eiskalten Lächelns.“ Intro: Koji Kojima fletscht die Zähne zum japanischen Lächeln ... Und: „ ... körperliche und geistige Erniedrigung bis zur völligen Unterwerfung.“ Ich hatte das Endspiel der Japanerinnen zu „sprechen“ – und musste mit ansehen, wie sich das Team verzehrte und wie anschließend wegen „Silber“ bittere Tränen vergossen wurden. Kojima lächelte, wirklich.

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Foto: Die Nordkoreanerin Kim sorgte für Aufsehen.

Die Spielerin Kim Zung Bok (Nordkorea) sorgte ebenfalls für Schlagzeilen. Alle wunderten sich damals, dass diese Spielerin als „Frau“ definiert worden war ... eine sehr stämmige Erscheinung, die maßgeblich mit dafür sorgte, dass die koreanischen Mädels, „Bronze“ gewannen.

Letztendlich waren es die Asiaten, die mit ihrem spektakulären Spiel die Zuschauer und vor allem auch die Medien begeisterten ... und damit zu einer gewaltigen Aufwertung des Spiels führten. Vor allem die Japaner/innen mit ihrem spektakulären Abwehrverhalten, mit den vielen Variationen im Angriff (kein Vergleich zu heute!) sorgten für beste Unterhaltung. Das Halbfinale der Herren, bei dem sich Japan und Bulgarien eine „3-Stunden-Schlacht“ lieferten, ist unvergessen. Beide Mannschaften aus der Sowjetunion zeigten Volleyball der Sonderklasse – und auch die Mannschaft der DDR wusste über weite Strecken zu beeindrucken. Für die deutsche Szene (West) gab es sehr viel zu staunen und zu lernen, auch für die Volleyballer in Westeuropa waren die Spiele in München eine große Inspiration.

(Jürgen Sabarz)