London 2012: Aller guten Dinge sind zwei – Markus Steuerwald feiert olympische Premiere

London 2012: Aller guten Dinge sind zwei – Markus Steuerwald feiert olympische Premiere Lang machen für Olympia! Markus Steuerwald schaffte zweimal die Olympia-Qualifikation, nimmt in London aber zum ersten Mal an Olympischen Spielen teil.

2008 spielte Markus Steuerwald eine überragende Olympia-Qualifikation, vier Jahre später wiederholte der Libero diese Leistung und sorgte mit dafür, dass die DVV-Männer abermals um die olympischen Medaillen spielen. Einen Unterschied gibt es jedoch: 2008 nahm Steuerwald nicht am olympischen Turnier teil, 2012 in London wird er seine Premiere feiern.

Ex-Bundestrainer Stelian Moculescu entschied sich 2008 trotz der starken Qualifikation gegen Steuerwald und nominierte Thomas Kröger. Noch heute spricht „Steuer“, so nennen ihn die Kollegen, „von der bisher bittersten Niederlage meiner Karriere.“ Doch Aufgeben ist weder die Sache von Steuerwald noch Eigenschaft eines Weltklasse-Liberos. „Ich habe versucht, es wegzuschieben und zu verdrängen. Das Ziel war weiterhin klar, sich irgendwann für Olympia zu qualifizieren. Ich wollte mich aber nicht runter ziehen lassen, das bringt mich ja nicht weiter.“

Vor allem zwei Schritte haben ihn dort hingebracht, dass er 2012 trotz großer Konkurrenz von Ferdinand Tille (Sete/FRA), der bei der WM 2010 zum weltbesten Libero gekürt wurde, die deutschen Farben in London vertreten wird. 2010 verließ er Friedrichshafen, wo er nur noch zweite Wahl war, und wechselte nach Paris. Zudem profitierte Steuerwald vom Trainerwechsel bei den DVV-Männern. Im April trat der Belgier Vital Heynen die Nachfolge von Raúl Lozano an, unter dem Tille klar den Vorzug bekam. Doch die Philosophie von Heynen und Lozano unterscheidet sich in einem Punkt wesentlich: „Ich denke, dass das Emotionale und das viele Reden wichtig für die Mannschaft sind und Vital Heynen das schätzt. Das ist meine wichtigste Rolle in der Mannschaft. Gute Laune verbreiten und den Annahmeriegel organisieren. Lozano mochte nicht, dass viel geredet wird, bei Heynen ist es genau umgekehrt. Er will Kommunikation auf dem Feld und Spaß“, so Steuerwald. Und wer ihn kennt, weiß, dass dieser durchaus mal in einen Redefluss kommen kann, vieler Späße inklusive.

Dass Steuerwald gereift ist und nicht mehr der „kleine Friedrichshafener Junge“ ist, beweist auch die Tatsache, dass er mit seinem Konkurrenten Tille mitfühlt. „Klar wäre es schöner gewesen, wenn man mit 14 Leuten spielen könnte. Im Verletzungsgrund wäre das gut, und auch für die Gruppe. Aber das ist der Sport, mich hat es selber getroffen. Ich war 2005 bester Libero der Champions League und war dann raus. Das wird in den nächsten Jahren so weiter gehen, mal wird der eine spielen, mal der andere. Das Gute ist: Egal, wer von uns spielt, es wird keinen Leistungsabfall geben nur einen anderen Spielertypen.“

Ein anderer Spieler(-Typ) ist ebenfalls nicht in London dabei: Bruder Patrick wurde von Heynen relativ früh als Zuspieler drei eingestuft, sodass es die Brüder Steuerwald in London nicht zu sehen gibt: „Das wäre natürlich etwas Besonderes gewesen, so viele Brüderpaare haben das nicht geschafft. Die Grbic-Brüder (SCG 2000, Anm. d. Red.) und die Bratoevs von Bulgarien wohl 2012. Es ist was Seltenes und wäre schön. Aber auf dem Feld ist er ein Mitspieler, das wäre nur außerhalb etwas Besonderes, weil man sich eben noch besser kennt als die anderen.“ Bruder Patrick, der unter Lozano Zuspieler Nummer eins war und damit deutlich mehr Spielanteile hatte als sein Bruder, sieht es ähnlich: „Natürlich ist man als Spieler sehr enttäuscht, da es als Sportler nichts Größerer gibt als Olympia. Man wäre auch kein guter Sportsmann, wenn man nicht enttäuscht wäre. Allerdings habe ich ja auch die Qualifikationen schon nicht mitgespielt und mich so nicht dafür "qualifiziert". Deshalb ist es jetzt natürlich auch nicht unerwartet gekommen.“

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Foto Conny Kurth: Total erschöpft nach der London-Qualifikation: Markus Steuerwald.

Dass sein Bruder wieder nun die Nummer eins auf der Libero-Position ist, kam für seinen älteren Bruder nicht überraschend: „„Er hat sich super entwickelt und nimmt eine ganz wichtige, nämlich emotionale Rolle ein. Er pusht durch seine Spielweise - sehr stark in er Abwehr und mittlerweile auch sehr konstant in der Annahme - die andern enorm und kitzelt so vielleicht noch ein paar Prozent mehr bei den anderen heraus, als die eh schon geben.“

1998 wurde der Libero vom Volleyball-Weltverband eingeführt. Damit sollten die Ballwechsel länger und spektakulärer werden, und auch körperlich kleineren Spielern die Möglichkeit gegeben werden, auf Weltkasse-Niveau zu spielen. Für Patrick Steuerwald nimmt der Libero mittlerweile eine entscheidende Rolle ein. „Ohne Libero geht heute nichts mehr. Klar gewinnen die Angreifer das Spiel, aber wenn sie es aufgrund von schlechter Annahme immer mit gut positionierter Block-Abwehr zu tun haben, ist das natürlich deutlich schwerer als wenn man aus einer guten Annahme heraus spielt. Ebenfalls gewinnt man kein Spiel ohne Abwehr. Und da der Libero in den beiden Elementen entscheidend ist, kann er aus meiner Sicht auch "Spiele gewinnen".

Das wünscht er natürlich auch der deutschen Mannschaft und Bruder Markus, der mit Konstanz in der Annahme, Einsatz und Mut in der Feldabwehr und viel Kommunikation der „Fels“ in der deutschen Defensivriege sein wird.

Fragen und Antworten an Markus und Patrick Steuerwald

2008 verkraftet bzw. wie schwer hat das Ganze Markus getroffen?
Markus: „Sicherlich schwer am Anfang. Danach habe ich versucht, es wegzuschieben und zu verdrängen. Das Ziel war weiterhin klar, sich irgendwann für Olympia zu qualifizieren. Ich wollte mich aber nicht runter ziehen lassen, das bringt mich ja nicht weiter.“

Patrick: „Ich denke, natürlich sehr. Die Qualifikation zu spielen und zu schaffen und dann nicht dabei zu sein, ist natürlich nie schön. Zum Glück hat er es jetzt geschafft.“

War es das schlimmste Erlebnis im Sport bisher?
Markus: „Danach im Verein nur noch zweiter Libero zu sein, war fast noch schlimmer, wobei es natürlich Sch… war, nicht in Peking dabei zu sein.

Was war der Knackpunkt, dass du aktuell die Nummer eins auf der Libero-Position bist?
Markus: „Ich denke, dass das Emotionale und das viele Reden wichtig für die Mannschaft sind und Vital Heynen das schätzt. Das ist meine wichtigste Rolle in der Mannschaft. Gute Laune verbreiten und den Annahmeriegel organisieren. Lozano mochte nicht, dass viel geredet wird, bei Heynen ist es genau umgekehrt. Er will Kommunikation auf dem Feld und Spaß.“
Wie wichtig war der Wechsel von Friedrichshafen nach Paris?
Patrick: „Leistung kann man nur zeigen, wenn man spielt. Deshalb musste er aus Friedrichshafen weg und logischerweise war das der erste wichtige Schritt Richtung London. Frankreich ist eine sehr abwehrstarke Liga und deshalb als Libero optimal, um sich weiterzuentwickeln.“
Was bedeutet die Teilnahme 2012 für dich?
Markus: „Es ist der Wunsch eines jeden Sportlers. Es gibt 144 Volleyballer, die das alle vier Jahre mitmachen. Das ist eine Auszeichnung und ein Ziel. Und mit nichts zu vergleichen mit anderen Events.“

Fühlst du mit Ferdinand Tille, der 2010 noch als bester Libero der WM ausgezeichnet wurde?
Markus: „Klar wäre es schöner, wenn man mit 14 Leuten spielen könnte. Im Verletzungsgrund wäre das gut, und auch für die Gruppe. Aber das ist der Sport, mich hat es selber getroffen. Ich war 2005 bester Libero der Champions League und war dann raus. Das wird in den nächsten Jahren so weiter gehen, mal wird der eine spielen, mal der andere. Egal, wer von uns spielt, es wird keinen Leistungsabfall geben nur einen anderen Spielertypen.“

Hat ein Libero eigentlich auch mal Angst? Anders gefragt: Ist es gut, dass Georg Grozer in deiner Mannschaft spielt?
Markus: „Nein, in der Hinsicht nicht. Es passiert immer wieder, dass man einen in die Fresse bekommt. Aber wenn man Angst hat, ist man auf der falschen Position.“

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Foto Conny Kurth: Markus (links) ist in London dabei, Patrick nicht.

Wie sehr belastet es dich, dass Patrick nicht dabei ist bzw. wie groß ist die Enttäuschung, nicht dabei zu sein?
Markus: „Am Anfang war es überraschend, dass er früh so schnell raus war. Er war natürlich enttäuscht. Er hat dann aber mit etwas Abstand gesagt, es gibt nun mal im Sport Nominierungen. Wir haben drei gute Zuspieler, von denen es einen trifft.“
Patrick: „Natürlich als Spieler sehr enttäuscht, da es als Sportler nichts Größerer gibt als Olympia. Man wäre auch kein guter Sportsmann, wenn man nicht enttäuscht wäre. Allerdings habe ich ja auch die Qualifikationen schon nicht mitgespielt und mich so nicht dafür "qualifiziert". Deshalb ist es jetzt natürlich auch nicht unerwartet gekommen.“

Habt ihr darüber gesprochen?
Markus: „Ja, aber ich kann das auch nicht ändern, und mache mir auch keinen Kopf darüber.“
Wie siehst du die Rolle/Stellenwert von Markus im Team?
Patrick: „Er hat sich super entwickelt und nimmt eine ganz wichtige, nämlich emotionale Rolle ein. Er pusht durch seine Spielweise (sehr stark in er Abwehr und mittlerweile auch sehr konstant in der Annahme) die andern enorm und kitzelt so vielleicht noch ein paar Prozent mehr bei den anderen heraus, als die eh schon geben.“
Hätte das etwas Besonderes gehabt, als Brüder in London zu starten?
Markus: „Mit Sicherheit, so viele Brüderpaare haben das nicht geschafft. Die Grbic-Brüder (SRB 2000) und die Bratoevs von BUL wohl 2012. Es ist was Seltenes und wäre schön. Aber auf dem Feld ist er ein Mitspieler, das wäre nur außerhalb etwas Besonderes, weil man sich eben noch besser kennt als die anderen.“
Patrick: „Es hat immer etwas Besonderes mit dem Bruder in der Nationalmannschaft zu spielen. Und da Olympia das Größte ist, wäre es natürlich etwas ganz Besonderes gewesen. Aber dieses Mal ist immerhin ein Steuerwald dabei und der wird die Fahnen hochhalten.“

Wie wichtig ist der Libero im modernen Volleyball?
Markus: „Ich denke, der Libero ist sehr wichtig. Wenn man den Mittelblocker hinten drin hätte, wäre die Qualität in Annahme und Abwehr deutlich schwächer. Zudem ist der Libero der verlängerte Arm des Trainers, da er in den Pausen Anweisungen weitergeben kann. Zudem bin ich wie ein zweiter Zuspieler auf dem Feld. Für die Organisation und Kommunikation kann der Libero eine sehr wichtige Rolle spielen.
Patrick: „Ohne Libero geht heute nichts mehr. Klar gewinnen die Angreifer das Spiel, aber wenn sie es aufgrund von schlechter Annahme immer mit gut positionierter Block-Abwehr zu tun haben, ist das natürlich deutlich schwerer als wenn man aus einer guten Annahme heraus spielt. Ebenfalls gewinnt man kein Spiel ohne Abwehr. Und da der Libero in den beiden Elementen entscheidend ist, kann er aus meiner Sicht auch "Spiele gewinnen".
Ich vergleiche das aber gern mit Fußball. Wenn der stürmer 9 von 10 Hundertprozentigen versiebt und man trotzdem gewinnt, ist die Welt in Ordnung. Wenn der Abwehrspieler oder Torhüter allerdings einen Patzer im Spiel haben, wird das oftmals wochenlang diskutiert und auseinander genommen. Letzten Endes kann man als Torhüter und Abwehrspieler nur verlieren (bis auf ganz wenige Ausnahmen). Genau diese Rolle hat der Libero im Volleyball auch. Wenn er gut und unauffällig spielt, fällt es kaum einem auf. Aber wehe er macht Fehler.“

Markus Steuerwald im Portrait

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