Bundesliga (F): Nervenkitzel im Titelkampf - Die mentale Fitness der Halbfinalisten
Ob Punktgewinn oder nicht: Die Spielerinnen des zweimaligen Deutschen Meisters Rote Raben Vilsbiburg kommen nach beinahe jedem Spielzug in der Mitte ihrer Spielhälfte zusammen. Nicht etwa zufällig oder aus Gewohnheit. Lenka Dürr & Co. haben in den wenigen Sekunden nach den Ballwechseln gelernt, gemeinsam mit den Kolleginnen ihre Emotionen zu verarbeiten, sich zu entspannen, Absprachen zu treffen und sich mental auf die nächste Spielsituation vorzubereiten. Eines von vielen Ritualen, von Methoden und Techniken, die Annette Reiners mit dem Team der Roten Raben Vilsbiburg im Laufe der Jahre trainiert hat. „Das Ziel ist, dass sich jede Spielerin persönlich und mental weiterentwickelt”, sagt Annette Reiners.
Die 44-Jährige arbeitet bereits seit 2005 mit den Niederbayerinnen. Anfangs nur sporadisch für Teamworkshops in der Saisonvorbereitung am Wochenende. Längst hat sie ein Konzept für die gesamte Saison entwickelt. Weil sie es kaum schaffen würde, alles selbst umzusetzen, haben sich die Raben sogar noch Unterstützung geholt. Steffen Kirchner, der einst im Management des Klubs gearbeitet hat und nun ein gefragter Mentaltrainer ist, unterstützt Annette Reiners seit dieser Saison. Mindestens einmal pro Woche ist einer von beiden beim Training dabei, rund um die Uhr stehen sie den Spielerinnen und dem gesamten Team bei Fragen und Problemen zur Verfügung.
Sowohl was die Intensität als auch die Dauer der mentalen Betreuung angeht, sind die Roten Raben einer der Vorreiter im deutschen Volleyball. Weil vor der Saison acht neue Spielerinnen zum Team stießen und nur vier blieben, galt es, aus den Einzelkönnerinnen aus verschiedenen Nationen so schnell wie möglich ein Team zu bilden. „Das ist hervorragend geglückt”, sagt André Wehnert, Teammanager der Roten Raben. „Wir wollten die intensive und kontinuierliche Betreuung noch erweitern und haben damit alles richtig gemacht.”
In mehreren Schritten – vom Kennenlernen im Teamtraining, über die Vermittlung von Kultur und Werten des Vereins, die Entwicklung gemeinsamer Rituale und Konfliktlösungen bis zum Einzelcoaching – haben Annette Reiners und Steffen Kirchner die mentale Entwicklung der Spielerinnen und der gesamten Mannschaft vorangetrieben. Vor dem Start der Play-off-Halbfinals am Mittwochabend gegen den Schweriner SC sagt Annette Reiners: „Das Team ist mental stabil. Das heißt nicht, dass wir jeden engen Satz gewinnen, aber die Spielerinnen haben die Möglichkeit, mental alles abrufen.” Die Viertelfinalpartie und den deutlichen Sieg gegen Wiesbaden im Rückspiel bezeichnet die einstige Zweitligaspielerin als die „mental bislang beste Leistung der Saison.” Mit hoher emotionaler Disziplin habe das Team agiert – eine erstklassige Referenzerfahrung für die kommenden Aufgaben. Von der mentalen Ausganglage gegen Schwerin her betrachtet, stünden die Chancen auf den Finaleinzug 50 zu 50.
Schwerins Sportpsychologe kombiniert die Arbeit von Körper und Kopf
Denn auch die Schwerinerinnen sind im Kopf bestens gerüstet für den Titelkampf. Spätestens nach der Nervenschlacht im Viertelfinale gegen den VfB Suhl, zweifelt wohl kein Gegner mehr an der mentalen Stärke des aktuellen Deutschen Meisters und Pokalsiegers. Schwerin stand in der Runde der letzten Acht bereits kurz vor dem Aus, wehrte jedoch diverse Matchbälle ab, gewann das Rückspiel nach 0:2-Satzrückstand noch 3:2 und triumphierte schließlich auch im entscheidenden Golden Set.
Neben Trainer Teun Buijs ist Christof Schwarz verantwortlich für die Nervenstärke der Schweriner Frauen. Der Master of Science für Sportpsychologe arbeitet seit der vergangenen Saison mit dem Team und betreut neben den Volleyballerinnen auch Kaderathleten im Bahnradsport und aus der Leichtathletik. Ursprünglich kommt Schwarz aus der Physiotherapie und verfolgt daher einen kombinierten Ansatz. Wenn es sich anbietet, versucht Schwarz, „über die Arbeit mit dem Körper an den Kopf heranzukommen”. Das schafft Vertrauen und beleuchtet Ursachen für mögliche Probleme nicht nur eindimensional. Schwarz sagt – eigentlich untypisch für den Berufsstand: „Ich bin vorsichtig, die Dinge zu voreilig zu verkopfen.” So sieht sich Schwarz auch nicht als Mentaltrainer, sondern verfolgt einen psychologischen Ansatz. Mittels eigener Diagnostik betrachtet er Problemstellungen zunächst aus biologischer Sicht.
Das Trainerteam des SSC ruft Schwarz je nach Bedarf und Saisonphase zur Arbeit mit einzelnen Spielerinnen – vor allem den Leistungsträgerinnen - oder der gesamten Mannschaft dazu. Einem grundsätzlichem Aufbauplan mit drei Ebenen folgend feilt Schwarz mit den Schwerinerinnen an Grundlagentraining, Stressbewältigung und Konfliktbewältigung. „Man muss sich meine Arbeit vorstellen wie ein großes Puzzle”, sagt Schwarz. „Mit einem Gesamtziel vor Augen suche ich Stück für Stück einzelne Puzzleteile heraus und füge sie an der passenden Stelle ein.”
Dresden und Münster setzen auch mental auf ihren Chefcoach
Ganz ohne Mentaltrainer kommen dagegen die Konkurrenten des zweiten Halbfinalduelles Dresdner SC gegen USC Münster aus. „Wir arbeiten zwar ohne Mentaltrainer. Das bedeutet aber nicht, dass wir den mentalen Bereich vernachlässigen”, sagt DSC-Trainer Alexander Waibl. So gibt der Schwabe seinen Spielerinnen für die entscheidenden Situationen selbst „Lösungsmöglichkeiten mit an die Hand, die Erfolg versprechend sind”. Aus dieser „harten Arbeit” sowie dem „Selbstbewusstsein, das die Mannschaft durch die langen Siegesserien erlangt hat”, resultiere auch die bislang ausgesprochen erfolgreiche Saison des DSC. Der zweimalige Deutscher Meister behielt in allen Tiebreaks und fast allen engen Saisonspielen die Oberhand, ging als Tabellenführer in die Play-offs und setzte sich als einziger Klub auch im Viertelfinale souverän durch.
In Münster wurde USC-Trainer Axel Büring in den vergangenen drei Jahren von Christian Fust unterstützt, dem Mentaltrainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. „Ich messe dem Thema eine große Bedeutung dabei, eine Zusammenarbeit kam in dieser Saison leider nicht zustande”, sagt Büring. Aus finanziellen Gründen entschied sich die Klubführung gegen eine weitere Betreuung durch Fust. „Er hat uns in der Vergangenheit schon sehr geholfen”, sagt Büring. „Aber wir treten auch ohne Mentaltrainer in dieser Saison sehr gefestigt auf und haben viele enge Matches gewonnen.” Im Halbfinale kann der USC frei aufspielen, Gegner DSC ist der Favorit.
Ob nun mit Mentaltrainerteam, Sportpsychologe oder ohne Expertenbetreuung: Wenn in den Play-offs Nuancen entscheiden, wird die mentale Fitness den Unterschied ausmachen.
Die nächsten Termine, Play-off-Halbfinale Frauen (Hinspiele)
04.04.2012 19:00 Schweriner SC - Rote Raben Vilsbiburg (ARENA Schwerin)
04.04.2012 19:30 USC Münster - Dresdner SC (Sporthalle Berg Fidel)
Play-off-Halbfinale Frauen (Rückspiele, Entsch. ggf. im Golden Set)
07.04.2012 18:00 Rote Raben Vilsbiburg - Schweriner SC (Ballsporthalle Vilsbiburg)
07.04.2012 17:30 Dresdner SC - USC Münster (Margon Arena)
(DVL)