Interview der Woche mit Stewart Bernard & Jens Tietböhl: „Kampf um Ankara-Tickets ist eröffnet“

Interview der Woche mit Stewart Bernard & Jens Tietböhl: „Kampf um Ankara-Tickets ist eröffnet“ Stewart Bernard konnte mit seinen Spielern bei der EM-Qualifikation in Jelgava/Lettland sehr zufrieden sein.

Die vergangenen zwei Jahre verliefen für den DVV sportlich äußerst erfolgreich. Umso erfreulicher, dass auch der Start in die Saison 2011 hervorragend verlief: Sowohl die weibliche U18- als auch die männliche U19-Nationalmannschaft qualifizierten sich als jeweilige Gruppensieger für die EM-Endrunden in Ankara/Türkei (männlich vom 16. bis 24. April, weiblich vom 30. April bis 8. Mai). Wie die Qualifikation exakt verlief, welche Aussichten bei der EM und darüber hinaus bestehen, verraten Jens Tietböhl (Trainer U18) und Stewart Bernard (Bundestrainer U19) im „Interview der Woche“.

Herr Tietböhl, Herr Bernard, Sie haben mit ihren Teams jeweils ihre EM-Qualifikationsgruppe souverän gewonnen und sich somit für die EM-Endrunde in Ankara/Türkei qualifiziert. War das im Vorfeld zu erwarten gewesen?
Bernard: „Wir hatten vorher gesagt, dass fünf Teams die Chance haben, sich zu qualifizieren. Nur England sah ich als chancenlos an. Das Turnier hat gezeigt, dass eigentlich Belgien, die Slowakei und wir um die zwei Plätze kämpfen, weil die Niederländer ihr Niveau nicht halten konnten. Bis auf die Partie gegen Belgien, in der wir fünf Sätze gespielt haben, haben wir ein sehr stabiles Niveau im Turnier gezeigt. Dennoch müssen wir uns als Mannschaft noch absolut steigern, um bei der EM eine gute Rolle zu spielen.“
Tietböhl: „Alle Beteiligten wussten um die Schwere dieser Aufgabe. Es war am Ende auch nicht so leicht, wie es die Endplatzierung widerspiegelt. In allen vier Spielen wurden wir zu 100% gefordert und konnten uns keine Ruhephasen erlauben. Man hätte auch ausscheiden können, die dritt- und viertplatzierten Nationen FRA und RUS hätten in den anderen Pools dicke Qualifikationschancen gehabt.“

Im Nachwuchsbereich weiß man nie so genau, wo das Team steht, welche Qualität es hat, wie gut die Gegner sind. Wann war Ihnen bewusst, dass ihr Team die Qualifikation packt?
Bernard: „Während des Turniers wurde deutlich, dass wir gute Chancen haben. Wir haben uns von Spiel zu Spiel gesteigert, und meine Spieler konnten mit dem Druck umgehen.“
Tietböhl: „Ganz klar nach dem sensationellen 3:0 Sieg gegen Russland. Das hat auch die Konkurrenz mächtig geschockt.“

In der jeweiligen Vorbereitung gab es zwar Siege (weiblich gegen Frankreich, männlich gegen Österreich und Frankreich), dennoch fehlte es bisweilen an Souveränität. Hat sich ihr Team in dem Qualifikationsturnier gesteigert und weiter entwickelt?
Bernard: „Ja, absolut. In der Vorbereitung waren die Ergebnisse zwar positiv, aber in Lettland haben wir deutlich stabiler gespielt. Zudem hatte ich auch Wechselmöglichkeiten, falls der ein oder andere Stammspieler schwächelte.“
Tietböhl: „In den Vorbereitungsmatchen gegen Frankreich musste sich das Team und die neue Betreuercrew erstmal "beschnuppern". Aber das Arbeitsklima hat sich täglich verbessert. Am Ende konnten wir alle gemeinsam eine große sportliche Entwicklung bilanzieren, aber es hat sich auch eine harmonische, ehrgeizige Atmosphäre entwickelt.“

In welchen Bereichen war ihre Mannschaft den Gegnern überlegen? Was zeichnete ihr Team aus?
Bernard: „Im Aufschlagbereich haben wir sehr gut gearbeitet, das hat uns viel gebracht. Dies wirkte sich auf unseren K2 (Angriff aus der Abwehr, Anm. d. Red.) aus, diese Qualität hat uns am Ende des Turniers geholfen, dass wir Sieger wurden, denn alle Teams in Lettland waren gut im K1 (Angriff aus der Annahme, Anm. d. Red.).“
Tietböhl: „Unser Team war deshalb erfolgreich, weil es eine solide Annahmequalität besitzt, taktisch sehr gut servieren kann und - wenn es richtig schwer wurde oder Satzentscheidungen anstanden - war die Mentalität sehr kämpferisch und positiv.“

Welche Bereiche müssen verbessert werden, um auch bei der EM-Endrunde gut abzuschneiden?
Bernard: „Sicherlich im Bereich Zuspiel und in der Qualität der Annahme - da ist noch Luft nach oben.“
Tietböhl: „Unsere Lösungsmöglichkeiten im Angriff sind deutlich zu verbessern. Auch der Einbeinerangriff ist nur teilweise effektiv. Das Timing im Swingblock ist noch nicht optimal und, und, und... Jede Spielerin muss bis zur EM athletisch noch ganz schön was drauf packen. Also, es gibt immer etwas zu verbessern, im Nachwuchsbereich ist man mit der Ausbildung nie fertig.“

Ihre Mannschaft, Herr Tietböhl, sorgte mit einem 3:0 gegen Russland dafür, dass diese großartige Volleyball-Nation erstmals eine EM-Endrunde in diesem Altersbereich verpasst. War dieser Sieg etwas Besonderes für Sie und die Mannschaft?
Tietböhl: „So eine Welt-Volleyballnation wie Russland zu bezwingen, ist immer etwas Besonderes für Spieler und Betreuer. Es gab Zeiten, da wurden deutsche Teams mit einstelligen Satzergebnissen „verprügelt“. Aber die Russen haben talentierte Mädchen, die Mannschaft hat Zukunft. Ich bin mir absolut sicher, dass spätestens zur Juniorinnen-EM im Jahre 2012, sich diese Mannschaft eindrucksvoll zurückmelden wird. Bis dahin werden irgendwo in diesem großen Land noch ein paar „Riesen“ gefunden, die alte, erfolgslose und völlig verkrampfte Trainercrew von Kienbaum wird mit Sicherheit getauscht, und dann sind sie wieder im Geschäft.“

Erfolge im Nachwuchsbereich sind schön, primäres Ziel ist jedoch die Ausbildung der Spielerinnen und Spieler, sodass diese bestenfalls den Sprung in die A-Nationalteams schaffen. Gibt es in diesen Teams Talente, bei denen Sie dieses Potenzial sehen?
Bernard: „Ja, da gibt es sicherlich Talente, die das Potenzial haben, um oben anzukommen. Wenn sie intensiv und konzentriert den eingeschlagenen Weg verfolgen und – idealerweise - an DVV-Stützpunkten arbeiten. Denn es ist wichtig, dass die Spieler damit umgehen können, zweimal am Tag zu trainieren. Das wurde auch bei der Vorbereitung und der EM-Qualifikation deutlich.“
Tietböhl: "Potenzial ist vorhanden, aber um eine genaue Talentprognostik abzugeben, ist der momentane Zeitpunkt noch zu früh. Außerdem kennen wir Betreuer die Mädchen erst seit dem 13. Dezember 2010 (erster Lehrgangstag) genauer. Fragen Sie uns nach dem Sommerprogramm, da wären unsere Aussagen fundierter.“

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Foto DVV: Am Ende jubelte Jens Tietböhl (vordere Reihe ganz links) mit den Betreuern und Spielerinnen über den Turniersieg in Kienbaum.

Nur zwölf Spielerinnen bzw. Spieler konnten die EM-Qualifikation bestreiten. Der Kaderkreis umfasst aber weit mehr Akteure. Sind die eingesetzten Akteure für die EM gesetzt bzw. haben einen Bonus oder können sich die Daheimgebliebenen Hoffnung machen?
Bernard: „Ab sofort ist die Situation wieder offen. Jeder Spieler hat immer eine Chance, sich für die Nationalmannschaft aufzudrängen. Die Entwicklung der Spieler bleibt die Haupt-Priorität, um an der EM teilzunehmen.“
Tietböhl: „Der Kampf um die Ankara-Tickets ist eröffnet. Die Karten werden neu gemischt. Jeder kann sich bewerben, es gibt keinen Bonus!“

Bis auf Russland bei den Mädchen und Italien bei den Jungen sind alle etablierten Nationen bei der EM vertreten. Mit den gezeigten Leistungen bei der EM-Qualifikation im Hinterkopf: Was ist bei der EM möglich?
Bernard: „Das kann ich noch nicht sagen. Das hängt zu einen von der Auslosung ab (voraussichtlich am 22 Januar, Anm. d. Red.) und natürlich auch vom Niveau der anderen Teams, die ich noch nicht kenne.“
Tietböhl: „Ich glaube uns Trainern wäre es ganz wichtig, dass die Spielerinnen bis zur EM sehr motiviert und mit klarer Zielorientierung für ihre Entwicklung an den Stützpunkten trainieren. Wir werden mit den Athleten individuelle Trainingspläne erarbeiten, und es wäre sehr wichtig, wenn sie in ihren Zweitligateams zu Führungsspielern reifen. Wenn eine Außenangreiferin in einem Spiel der 2. Bundesliga nicht mindestens 15 Angriffspunkte erzielt, hätte sie zur EM schon ein Problem...“

Was ist das Ziel? Die ersten Sechs der EM qualifizieren sich für die WM-Endrunde 2011 in Argentinien (männlich) und in der Türkei (weiblich).
Bernard: „Wir würden uns über die EM sehr gerne für die Jugend-WM in Argentinien qualifizieren, um den Prozess der Weiterentwicklung voran zu treiben.“
Tietböhl: „Eine Platzierung unter den ersten sechs Mannschaften und damit auch die Teilnahme an der WM wäre ein sehr lohnendes, tolles Ziel.“