Interview der Woche: Die Weltmeister haben das Wort
Sie sorgten für ein kleines „Wunder“, zumindest für eine Sensation: Julius Brink/Jonas Reckermann gewannen am 5. Juli 2009 die Goldmedaille bei den Beach-Volleyball Weltmeisterschaften in Stavanger. Es war der erste WM-Titel für ein europäisches und natürlich auch für ein deutsches Duo. Im ausführlichen Interview berichten die „Goldjungs“ von diesem Erlebnis und mehr.
Der Jubel nach dem Matchball fiel zunächst wenig weltmeisterlich aus, warum?
Reckermann: „Noch vier Minuten vorher lagen wir mit 13:17 zurück, und der Satz war eigentlich gelaufen. Dass es dann so schnell ging, konnten wir kaum realisieren. Ich wusste erst gar nicht wie mir/uns geschah, dachte, dass irgendwas bestimmt noch kommt, denn wir können doch nicht einfach so Weltmeister werden...“
Brink: „Ich glaube, dass wir beide einfach nicht glauben konnten, was da passiert ist. Gerade weil der Satzstand im zweiten Durchgang mit 16:19 eher weniger gute Aussichten versprach.“
Jonas, was hast du dir bei 16-19 gedacht, als du auf einmal im harten Sprungaufschlag serviert hast und damit die Grundlage für die Wende eingeleitet hast.
Reckermann: „Ich dachte mir, dass ich versuche, wieder mit Sprungaufschlägen zurück ins Spiel zu finden, so dass wir im dritten Satz wieder richtig Gas geben können.“
Habt ihr bei 16-19 überhaupt noch an eine Wende im zweiten Satz geglaubt?
Reckermann: „Eigentlich hatte ich mich eher für den dritten Satz vorbereitet. Aber spätestens ab 19:19 wusste ich: Hier geht noch was!"
Brink: „Sicherlich weniger als bei 19:16. Aber ich denke, dass es uns eben im ganzen Verlauf der WM ausgezeichnet hat, dass wir immer an uns geglaubt haben, selbst wenn wir in Drucksituationen waren, oder bittere Bälle verarbeiten mussten.“
Wurde im Anschluss noch – eines WM-Titels würdig – gefeiert? Wieviel von den 60.000 US Dollar Siegprämie ging dabei drauf?
Reckermann: „Es wurde würdig gefeiert, und es ging schon einiges von der Siegprämie dabei drauf. Wein und Champagner sind nicht billig und in Norwegen erst recht nicht.“
Brink: „Weniger als man denkt. Zudem lade ich als Sommerkind immer gerne zu meinem Geburtstag ein, da war es mir wichtiger, mit meinem Team schön beisammen zu sein, als dass ich kostengünstig dabei wegkomme. Sicherlich gibt es aber günstigere Locations zum Feiern als Stavanger.“
Wieviele Medien- und TV-Termine gab es bereits und stehen noch an?
Reckermann: „Es gibt wirklich unglaublich viele Anfragen. Aber jetzt stehen ja noch vier Grand-Slam Turniere in Folge auf dem Programm, so dass wir da sehr gut abwägen müssen, was machbar ist. Auch hier in Gstaad müssen und dürfen wir ständig Interviews geben und von dem Erfolg berichten.“
Brink: „Das entwickelt sich gerade, aber wir haben mit unserer Vermarktungsagentur VITESSE Profis an unserer Seite, die sich mit solchen Situationen auskennen, aber auch in der Lage sind, uns beiden den Rücken frei zu halten.“
Haben sich schon potenzielle neue Partner bei eurem Management gemeldet?
Reckermann: „Ich bin kaum dazu gekommen, mit unseren Manager über die Koordinierung der Interviewanfragen hinaus zu sprechen. Ich denke, sie werden schon Kontakte knüpfen.“
Brink: „Nicht das ich wüsste.“
Was war der Schlüssel zu diesem Sensations-Coup?
Reckermann: „Zum einen haben wir immer an uns geglaubt und auch in engen Situationen und nach Rückschlägen immer wieder Lösungen gefunden. Zum anderen haben wir die Grundlage für den Erfolg und die bisherige herausragende Saison im Winter gelegt, zu Hause in der Beachhalle und in diversen Trainingslagern.“
Brink: „Der Grundstein zu diesem Erfolg liegt sicherlich darin begründet, dass wir uns als Team zusammengeschlossen haben. Aber eben auch die gleiche Zielsetzung haben, wussten, mit wem wir arbeiten wollen, wo wir Hilfe suchen wollen und wir eine klare Teamphilosophie haben.“

Foto FIVB: Spielszene aus dem Finale gegen Harley/Alison.
Ist es ein „Wunder“, dass ihr als neu zusammen gestelltes Duo gleich die etablierten Weltklasse-Duos geschlagen und hinter euch gelassen habt?
Reckermann: „Von einem Wunder würde ich nicht sprechen, weil wir ja auch im Vorfeld gezeigt haben, dass wir sehr gut harmonieren und jeden Gegner schlagen können. Dass wir aber auf dem Weg zum Titel gleich alle Favoriten aus dem Weg räumen, ist schon eine beachtliche Leistung.“
Brink: „Ein kleines Wunder, denn die Ergebnisse sind schon sensationell. Auch wenn wir, wie jedes Team, noch Dinge weiter vorantreiben wollen. Wir wissen, dass auch mal wieder Rückschläge kommen werden und vor allem: In den kommenden 2 Jahren können wir nicht noch einmal Weltmeister werden...“
Der Modus mit Gruppenphase (alle zwei Tage ein Spiel) und einem Spiel pro Tag in der Ko-Runde ist umstritten. Habt ihr dadurch profitiert - wie seht ihr das?
Reckermann: „Von profitieren kann man nicht unbedingt sprechen, zumal wir sogar ein Spiel weniger hatten in der Gruppenphase und es damit noch schwieriger war, seinen Spielrhythmus zu finden. Aber ich denke, dass wir uns sehr gut mit dem veränderten Rhythmus arrangiert und unseren Tagesablauf gut angepasst haben.“
Brink: „Der Modus war ja für alle Teams gleich, jedes Team hatte genügend Regenerationszeit, um sich auf das kommende Match vorzubereiten. Dass wir in zwei Spielen keinen Gegner besiegen mussten, habe ich weniger als Freilos, vielmehr als Herausforderung angesehen. Wir Beach-Volleyballer werden mit einem maximal 4 Tages-Rhythmus groß. Jede Abweichung kann auch ein Problem darstellen, siehe Brink-Dieckmann in Peking 2008...“
Als die Auslosung der Ko-Phase erfolgte, was habt ihr gedacht? Schließlich wart ihr im „Baum“ mit Gibb/Rosenthal (USA), Emanuel/Ricardo (BRA) und Rogers/Dalhausser (USA) – der Créme de la créme.
Reckermann: „Ganz im Ernst: Ich dachte: Oha - der leichteste Weg wird das nicht. Aber geglaubt habe ich immer an uns!“
Brink: „Der so leicht dahingesagte Satz: "Wenn du Weltmeister werden willst, dann musst du eh jeden schlagen", bekam so eine ganz neue Bedeutung.“
Wie sah die Vorbereitung auf die einzelnen Spiele und Gegner aus, wer hat euch instruiert und eingestellt?
Reckermann: „Jürgen Wagner war vor Ort und hat die Hauptarbeit gemacht, aber auch aus der Heimat wurden wir von unseren Trainern Hans Voigt und Markus Dieckmann sowie unserem Sportpsychologen Lothar Linz hervorragend unterstützt.“
Brink: „Bei uns im Team ist Jürgen Wagner der Chefcoach. Er erarbeitet mit uns die Taktik, wir stellen uns mit ihm gemeinsam ein.“
Nach WM-Gold kamen ungewohnt moderate Töne von dir, Julius: Zitat: „Wir werden Momente erleben, wo wir wieder gegen diese Teams verlieren. Ich möchte mich nicht auf eine Stufe mit ihnen stellen!“ Ergebnis eines Reifeprozesses?
Brink: „Wenn du bei jedem Angriff eine Pranke in deinem Gesicht spürst, dann weiß man, dass es auch mal vorkommen wird, gegen diese Teams der Weltspitze zu verlieren. Ich sehe uns am Beginn einer Entwicklung, an deren Ende sollen regelmäßige Siege gegen die Top-Teams stehen, bis dahin ist es noch ein langer Weg. Sicherlich hätte ich aber mit 24 Jahren eine andere Antwort auf diese Frage gegeben. Sicherlich habe ich aber auch Demut gelernt, auch dies gehört zu einem natürlichen Reifeprozess dazu. Schön, dass ich nach der Pubertät, den nächsten Schritt gemacht habe :-)“

Foto FIVB: Erst zurückhaltend, dann weltmeisterlich: Der Jubel.
Wie schwer ist es jetzt für euch, direkt in Gstaad weiter zu spielen? Gibt es nicht eine körperliche, aber vor allem mentale Erschöpfung?
Reckermann: „Natürlich gibt es eine erste Erschöpfung, und wir haben auch kurz überlegt, ob es Sinn macht, direkt weiter zu spielen. Aber zum einen versuchen wir nun einfach, den allgegenwärtigen WM-Titel als Motivation im Turnier zu nutzen, und zum anderen freuen sich natürlich die Veranstalter in Gstaad, dass die Medaillengewinner mit am Start sind.“
Brink: „Bisher schwebe ich noch auf Wolke 7. Ich hoffe es geht noch eine Weile so weiter.“
Durch den WM-Triumph seid ihr auf Platz zwei der Weltrangliste geklettert. Geht da noch mehr?
Reckermann: „Nun, ja - ein Platz besser geht ja noch... Alison/Harley waren die gesamte Saison über betrachtet aber das beste Team und stehen berechtigterweise da oben.“
Brink: „Dafür bräuchten wir mehr Turniersiege und eben kostantere Teilnahmen im Finale. Bisher sind wir immer im Halbfinale gewesen. Sicherlich ist das ein Schritt, der anstehen wird, ich werde es nicht scheuen, es zu versuchen.“
Julius, du startest für Bayer 04 Leverkusen. Die Fußballer des Vereins sind dafür bekannt, oftmals „nur“ Zweiter geworden zu sein. Gab es schon Anfragen der kickenden Belegschaft an dich, wie du es geschafft hast, aus „Vize-Kusen“ „Weltmeister-Kusen“ zu machen?
Brink: „Jupp hat sich noch nicht gemeldet. Ich werde ihm aber mit Rat und Tat zur Seite stehen.“
Jonas, du bist für den rheinischen Rivalen 1. FC Köln am Start. Wie wird das auf der anderen Rheinseite gesehen, dass Du mit einem Leverkusener spielst und auch noch Erfolg hast?
Reckermann: „Andere Rheinseite"? Das ist Leverkusen. DIE Rheinseite ist linksrheinisch und damit in Köln. Dort werde ich natürlich schon verwundert gefragt, warum ich mit einem Leverkusener spiele. Aber ich sage dann immer, dass es doch eine Riesenherausforderung ist, sogar mit einem Leverkusener mal ganz oben zu stehen...“
Euer Traum ist, einmal im Aktuellen Sportstudio aufzutreten. Derzeit wird hinter den Kulissen eifrig daran gearbeitet. Wer würde das Duell beim legendären Torwandschießen gewinnen?
Reckermann: „Ich sage nur: "Vizekusen"...“
Brink: „Jonas ist ein guter Fußballer, sicherlich der Beste den der FC je hatte...“