DVV-Männer: Raúl Lozano: „Wenn es läuft, sind wir schon ein sehr gutes Team“

DVV-Männer: Raúl Lozano: „Wenn es läuft, sind wir schon ein sehr gutes Team“ Der "Volleyball-Flüsterer": Bundestrainer Raúl Lozano im Dialog mit Mittelblocker Max Günthör.

Nach der WM-Qualifikation in Poprad/Slowakei äußerte sich Bundestrainer Raúl Lozano zum gespielten Turnier, zu seiner neuen Mannschaft sowie den anstehenden Aufgaben in diesem Jahr.

Sind Sie enttäuscht, das Turnier nur als Zweiter beendet zu haben?
Lozano: „Ich wollte heute - aus verschiedenen Motiven heraus - unbedingt gewinnen, vor allem, weil ich die Mannschaft verbessern möchte, und wir einfach solider werden müssen. Bis auf den vierten und fünften Satz gegen die Slowakei war unser Niveau auch gut. Im vierten Satz haben wir den entscheidenden Fehler gemacht, dass wir gedacht haben, das war´s. Wir sind aus dem Rhythmus gekommen, haben in allen Bereichen Fehler gemacht, vor allem im Aufschlag und Angriff. Das war entscheidend, dann hat der Gegner angefangen zu spielen. Überragend war der Diagonalspieler Nemec, der eine unglaubliche Partie gemacht hat. Wir müssen aus unseren Fehler lernen, und aus verlorenen Spielern lernt man mehr als aus gewonnenen. Deswegen muss das eine Lektion sein, aus der wir lernen, dass uns das nicht mehr passiert. Wir haben im Turnier insgesamt auf einem guten Niveau gespielt gegen Gegner, die nicht auf dem allerhöchsten Niveau sind wie beispielsweise Russland.

Die Mannschaft hat sich bis zum 2:1 gegen die Slowaken von Spiel zu Spiel gesteigert. Ein Indiz dafür, dass ihre Philosophie immer besser umgesetzt wird?
Lozano: „Ja, bei einigen Dingen auf jeden Fall. Ich glaube, dass die Mannschaft sehr konzentriert ist, unsere Leistungstäler sind aber noch zu tief. Jede Mannschaft in der Welt hat Höhen und Tiefen, aber unsere Tiefen sind noch zu tief oder anders gesagt: Kommt ein kalter Wind, sind wir gleich erkältet. Man muss wissen, wie man spielt, wenn es mal schlecht läuft. In den Momenten, in denen uns der Gegner dominiert, müssen wir unser Niveau halten, um dann selber wieder dominant zu werden. Das können wir jetzt noch nicht, das müssen wir lernen. Solange es bei uns läuft, sind wir schon ein sehr gutes Team.“

Nun geht es gegen Russland, Finnland und Belgien. Wie beurteilen Sie die Teams und die Chancen gegen diese Mannschaften?
Lozano: „Russland ist der Favorit, Deutschland und Finnland sollten auf einer Ebene sein, es hängt davon ab, in welcher Form wir sind. Die Finnen haben ein sehr gutes Team, welches in dieser Konstellation schon seit drei, vier Jahren zusammen ist und in der Weltliga auf hohem Niveau spielt. Natürlich werden wir versuchen, auch das Spiel gegen Russland zu gewinnen, aber vom Grundniveau her sind die Russen ein wenig über Deutschland und Finnland wie Belgien ein Stück unter diesen beiden Teams ist.“

Sie haben jetzt sechs Spiele ihrer neuen Mannschaft gesehen. Hat die Mannschaft das Potenzial, die hohen Ziele zu erreichen?
Lozano: „Ich glaube auf jeden Fall, dass sich die Mannschaft stark verbessern kann. Bis jetzt hatten wir nur wenig Zeit, und um die Mannschaft und die Spieler zu verbessern, benötige ich mehr Zeit. Bei den Spielern gibt es keine Unterschiede zu den Spielern der Mannschaften wie Bulgarien, Russland oder die Tschechische Republik. Diese Teams sind alle vergleichbar, alle diese Teams können über grundsolide Arbeit einen Sprung nach vorne machen. Ich glaube, dass die Bundesliga einen großen Sprung machen kann, und wenn die Liga das macht, würde auch die Nationalmannschaft stark davon profitieren. Es gibt viele Aspekte, in denen sich Liga und Auswahl verbessern können. Deswegen spreche ich immer gerne von der umfassenden Arbeit, die zu leisten ist, um zu den besten europäischen Teams zu gehören. Verglichen mit Brasilien liegen noch Welten zwischen uns. Brasilien kann 20 Spieler nehmen, und alle sind auf höchstem Niveau. Brasilien ist das einzige Land, welches so viele Spieler auf hohem Niveau hat. Dagegen gibt es in Europa immer nur fünf, sechs Spieler pro Land, die ein sehr hohes Niveau haben, aber es fehlt insgesamt die Basis mit einer Liga, dass sich die Nationalmannschaft ständig auf hohem Niveau bewegt. Das ist beispielsweise auch in den Ligen wie Bulgarien oder Serbien der Fall. Deutschland befindet sich in einem Block von Ländern, die einen großen Schritt nach vorne machen können, aber dafür müssen sehr viele sehr hart arbeiten. Die Gruppe hier in Poprad arbeitet sehr gut, aber es wird nicht reichen mit dieser Gruppe, wir müssen es generalisieren.“

Marcus Popp und Björn Andrae verabschieden sich zum Beach-Volleyball. Hoffen Sie auf eine Rückkehr zur WM-Qualifikation?
Lozano: „Ich wünsche es mir, dass sie wieder kommen, weil wir dadurch als Mannschaft stärker wären. Aber wenn sie sich dagegen entscheiden, werden wir mit anderen Spielern trotzdem eine starke Mannschaft stellen. Generell wünsche ich mir immer, die besten Spieler zur Verfügung zu haben, aber es ist ihre Entscheidung. Wir sind an einem Punkt wie bei einem 4 x 400 Meter Staffellauf. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um den Staffelstab weiter zu geben. Sie haben die Möglichkeit den Staffelstab zu nehmen oder andere machen das. Wenn sie im Winter wieder in erstklassigen Klubs spielen wollen, bringt es ihnen nichts, Beach-Volleyball zu spielen. Das bildet sie nicht weiter. Sie sind jetzt in einer Phase, in der sie sich ausruhen möchten, aber wenn sie ernsthaft Beach-Volleyball spielen wollen, dann müssten sie auch im Winter ernsthaft Beach-Volleyball spielen. Das könnten sie vom Niveau schaffen, aber uns hilft das nicht. Das ist eine Situation, die ungewöhnlich ist für Nationalmannschaften, die ich so nicht erwartet und erlebt habe.“

Auch die anderen etablierten Spieler wie Jochen Schöps, Simon Tischer oder Georg Wiebel bekommen nun eine Pause. Ein Problem?
Lozano: „Ich möchte auch Urlaub geben, weil ich weiß, dass das nötig ist, aber es gibt einfach sehr viele Schwierigkeiten, die die Nationalmannschaft lösen muss, die sich sehr schwer mit den Urlaubswünschen der Spieler vereinbaren lassen. Ich glaube schon, dass Spieler Urlaub haben müssen, das war bei meinen Stationen in Spanien und Polen so und ist jetzt auch bei der deutschen Mannschaft so. Aber die deutschen Spieler sind in der Mehrheit Studenten oder haben noch ein weiteres Standbein außerhalb des Volleyballs. Das ist neu für mich. Die Spieler in den anderen Ländern verdienen nicht viel mehr Geld, aber sie waren in erster Linie Volleyballer und hatten dazu ein zweites Standbein. In Deutschland sind Volleyball und das zweite Standbein gleich gewichtet.“

Das Jahr 2009 hat es mit European League, WM-Qualifikation und EM-Endrunde in sich. Wie geht es jetzt weiter?
Lozano: „Wir haben diesen Sommer drei Mannschaften zu bilden: Die erste Mannschaft haben wir gebildet für die WM-Qualifikation in Poprad, die zweite wird für die European League zusammen gestellt, und schlussendlich gibt es eine Dritte für die zweite WM-Qualifikationsrunde und die EM-Endrunde. Jetzt gilt es die zweite Mannschaft zu bilden, und ich hoffe, dass die jungen Spieler Erfahrungen sammeln und wachsen, um schließlich bei der WM-Qualifikation die stärkste Mannschaft bilden zu können.

In der European League stehen die Gegner Rumänien, Belgien und Griechenland auf der anderen Netzseite. Was wollen sie in diesen Spielen von ihren Spielern sehen?
Lozano: „Dass sie an den kommenden Spielen wachsen werden. Wir haben eine junge Mannschaft zusammen, die sowohl hart spielen als auch trainieren muss. Wir müssen die Spieler über die Wettkämpfe entwickeln, wie Günthör, Böhme, Steuerwald, Schwarz oder auch Grozer. Sie brauchen internationale Erfahrung. Ich glaube, wir haben gute Chancen, uns weiter zu entwickeln und die Möglichkeiten, sich im Wettkampf zu messen, sind das Optimum. Der Wettkampf ist ein Instrument, um sich zu entwickeln. Andere Trainer sagen, man muss im Training die Kompetenz erarbeiten, die im Wettkampf nur noch bestätigt werden muss. Ich würde am liebsten 30 Spiele auf hohem Niveau haben, dann wäre ich der glücklichste Trainer der Welt. Das ist ungefähr die Zahl, die diese Spieler brauchen, um sich zu entwickeln. Wir wollen uns über die European League einfach in gewissen Elementen weiter entwickeln, dazu dient dieser Wettkampf.“

Ab wann bereitet sich das deutsche Team gezielt auf die dritte Runde der WM-Qualifikation vor?
Lozano: „Es gibt noch kein Fixdatum, da sehr viele Spieler zu unterschiedlichen Zeiten zur Mannschaft stoßen wie beispielsweise Kromm, Hübner oder Grozer. Wir werden wohl erst Anfang August mit den zwölf Spielern arbeiten, die das Qualifikationsturnier spielen, nicht vorher.“

Sie sprechen Georg Grozer, Robert Kromm und Stefan Hübner an. Was erwarten Sie sich von ihnen?
Lozano: „Es sind drei starke Spieler, die das Niveau der Mannschaft verstärken werden. Es wird sich aber noch heraus stellen, wie lange es dauert, sie einzubauen.“