DVV-Frauen: Guidetti: „Müssen die Volleyballkultur in Deutschland verändern“

DVV-Frauen: Guidetti: „Müssen die Volleyballkultur in Deutschland verändern“ Bundestrainer Giovanni Guidetti fordert Veränderungen, um voran zu kommen.

Nach dem Grand Prix zieht Bundestrainer Giovanni eine Zwischenbilanz, in der vor allem die Bundesligisten zu Veränderungen aufruft. Sein Fazit: Wenn sich nichts bewegt und sich die deutschen Klubs nicht trauen, an der Champions League teilzunehmen, bekommt der deutsche Frauen-Volleyball ein großes Problem.

Nach dem Grand Prix sagten Sie, das Turnier sei für die deutsche Nationalmannschaft wie ein Formel-Eins-Rennen mit einem Cinquecento gewesen. Wie meinen Sie das?
Guidetti: "Wir waren mit einer sehr, sehr jungen Mannschaft am Start, sogar die Jüngste des gesamten Turniers. Für acht Spielerinnen war es der erste Grand Prix und damit etwas ganz Neues. Auf einmal mussten sie gegen China, Brasilien oder Kuba und damit Medaillenkandidaten bei den Olympischen Spielen spielen. Manchmal war es noch etwas zuviel, aber auf jeden Fall eine sehr wertvolle Erfahrung."

Sind sie mit dem Ergebnis von vier Siegen und dem achten Platz zufrieden?
Guidetti: "Unsere Gesamtbilanz ist gut. Von neun Spielen haben wir vier gewonnen und nur eines schlecht gespielt – gegen die Türkei. In den meisten anderen Spielen haben wir besser oder fast auf dem gleichen Level gespielt – auch gegen China, Brasilien oder Kuba. Gegen jeden der Großen haben wir einen Satz gewonnen."

Sie sind mit einer im Vergleich zur Olympiaqualifikation im Januar auf acht Positionen veränderten und stark verjüngten Mannschaft angetreten. Sind das die besten Volleyballspielerinnen, die es derzeit in Deutschland gibt?
Guidetti: "Nicht die besten deutschen Spielerinnen, aber die Besten von denjenigen, die für die Nationalmannschaft spielen wollen. Es fehlen Sylvia Roll, Hanka Pachale oder Angelina Grün. Von ihnen aber wird nur Angelina zurückkommen."

Was fehlt dem Team, um in die internationale Spitze vorzurücken?
Guidetti: "Ohne Angelina Grün fehlt uns eine Diagonalangreiferin und damit eine Spielerin, die auf den Angriff spezialisiert ist, die wichtigen Punkte macht und ein Spiel entscheiden kann. Ich habe den ganzen Sommer nach einer Spielerin gesucht, die diese Rolle übernehmen könnte, aber mit Margareta Kozuch nur eine Einzige gefunden. Sie hat in diesem Jahr auf dieser Position großartig gespielt, kann aber auch im Außenangriff mit Annahme spielen. Und eigentlich gefällt sie mir dort besser."

Wie kommt das?
Guidetti: "Es ist ein Problem der Spielsysteme in der Bundesliga. Kein Verein spielt mit einer klassischen Diagonalangreiferin, die nur für den Angriff zuständig ist.. Das aber ist nicht die Art und Weise, mit der die besten Teams im internationalen Volleyball derzeit spielen und Erfolg haben. Italien hat mit Aguero, Ortolani, Centoni und Togut vier von diesen Spielerinnen, Brasilien eine Sheilla oder die USA eine Haneef. In der Bundesliga braucht niemand eine solche Spielerin, weil niemand so spielt. Das bedeutet: Wir müssen die Volleyballkultur in Deutschland verändern."

Schauen die Trainer in Deutschland zu wenig nach den Trends im internationalen Volleyball?
Guidetti: "Das Problem ist ja, dass es auch so klappt. Vilsbiburg ist ohne richtige Diagonalspielerin Meister geworden. Dresden spielte mit Anne Matthes, die auch in der Annahme stand, und Schwerin mit Patricia Thormann, einer Mittelblockerin. Für die Bundesliga ist das ausreichend, für die Nationalmannschaft nicht. Wenn man keinen Angriff aus dem Hinterfeld hat, wenn der Zuspieler vorn ist, wird man abgeschossen."

Wie wollen Sie das ändern?
Guidetti: "Ich muss mit den Trainern sprechen, dass wir diese Art von Spielerinnen brauchen. Und wir müssen im Nachwuchsbereich von vornherein anders arbeiten. Die Junioren-Nationalmannschaft zum Beispiel ist ein tolles Team, aber wurde nicht mit dieser Idee zusammengestellt und ausgebildet. Erst im vergangenen Jahr habe ich angefangen, mit Jens Tietböhl und Stefan Bräuer über meine Vorstellungen zu sprechen. Jetzt beginnen sie, das umzusetzen. Aber wir haben ein großes Loch von fünf bis sieben Jahren."

Wie schätzen Sie – fast zwei Jahre nach Ihrem Amtsantritt – die Entwicklung des deutschen Frauen-Volleyballs ein?
Guidetti: "Ich habe ein wenig Angst. Denn bisher dachten alle, alles in Deutschland ist gut. Es gab in der Nationalmannschaft eine Angelina Grün und die hat alle Probleme gelöst. Dank ihr hat sich Deutschland für die Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften qualifiziert. Aber eines Tages wird sie aufhören, zu spielen. Und dann bekommt Deutschland ein Problem."

Warum?
Guidetti: "Viele von unseren jungen Spielerinnen spielen in der Bundesliga. Aber den deutschen Klubs fehlt der internationale Wettbewerb, vor allem auf höchstem Niveau in der Champions League. Tschechien, Rumänien, Kroatien, Serbien oder die Niederlagende haben jeweils eine Mannschaft in der Champions League, Frankreich, Spanien, Russland, die Türkei und Italien sogar noch mehr – ein Land wie Deutschland dagegen keine. Dresden ist zwar in der vergangenen Saison zwar Dritter im Challenge Cup geworden, hat im Final Four aber 0:3 gegen den Fünften der türkischen Liga verloren, der schließlich nur knapp gegen Imola und damit einem Team, das in Italien Neunter geworden ist und nicht einmal die Play-offs erreicht hat, gewonnen hat. Das ist das Level, über das wir sprechen."

Das Niveau, auf dem die deutschen Klubs spielen, ist Ihnen also viel zu niedrig.
Guidetti: "Genau. Acht der zwölf Spielerinnen, die hier beim Grand Prix waren, spielen in der Bundesliga. Und das heißt, dass sie in jeder Woche gegen Teams spielen, die sehr, sehr weit vom internationalen Niveau entfernt sind. Wir müssen alles versuchen, um das Niveau in der Bundesliga anzuheben. Das heißt: Die Anzahl der sehr guten Spielerinnen muss sich erhöhen und mindestens ein Klub muss versuchen, an der Champions League teilzunehmen."

Haben die jungen deutschen Spielerinnen das Niveau, um dort spielen zu können?
Guidetti: "Es gibt ein sehr gutes Beispiel, das eigentlich alles erklärt. Die Türkei hat eine Zuspielerin, der gleiche Jahrgang wie Lena Möllers. Sie spielt in der kommenden Saison beim besten türkischen Team mit Topspielerinnen wie Francia, Metcalf, Haneef, Citakovic zusammen und nimmt an der Champions League teil. Sie ist schlechter und hat weniger Talent als Lena. Der Unterschied aber ist, das Lena mit Spielerinnen ihres Alters zusammenspielt und keinerlei Wettbewerb auf hohem Niveau hat."

Sind die Bundesligatrainer nicht gut genug, um das Niveau zu verbessern?
Guidetti: "Das Problem sind nicht die Trainer. Es gibt sehr gute Trainer in der Bundesliga und jedes Team trainiert unter professionellen Bedingungen. Die Organisation ist überall exzellent. Vilsbiburg beispielsweise besser organisiert ist als Bergamo. Das Problem aber ist die Qualität der Spielerinnen. Wir brauchen einfach mehr sehr gute und weniger durchschnittliche Spielerinnen in der Bundesliga. Dabei dürfen die Klubs nicht nur nach Spielerinnen suchen, die für 6000 Euro im Jahr spielen, sondern auch nach solchen, die schon mal 40.000 Euro kosten."

Wie versuchen Sie, einen oder mehrere Klubs davon zu überzeugen, an der Champions League teilzunehmen?
Guidetti: "Ich habe schon mit vielen Trainern und Managern gesprochen und ich denke, dass sie das Problem verstehen. Aber sie haben Angst, diesen großen Schritt zu machen. Sie antworten alle das Gleiche: Sie haben kein Geld für die Champions League. Wenn sie ehrlich sind, wollen sie aber auch nichts ändern, denn für die Bundesliga ist das ja alles ausreichend. Da fragen sie sich: Warum sollten wir versuchen, Champions League zu spielen? Es läuft ja auch so alles gut."

Ein Verein in der Vorreiterrolle würde Ihnen vielleicht helfen.
Guidetti: "Wir brauchen bei den Frauen einen Klub, bei dem begonnen wird so zu denken wie bei den Männern in Friedrichshafen. Wenn das gelingt, zieht vielleicht ein anderer Verein nach und dann vielleicht noch ein anderer. Wir müssen ein bis drei Klubs finden, die sich in Europa dem Wettbewerb auf höchstem Niveau stellen wollen und Champions League spielen. Ich weiß, dass das eine Menge Geld kostet und das mit dem Fernsehen nicht einfach ist. Aber die Bedingungen gelten für alle, auch für die Klubs in Serbien, Rumänien, Frankreich oder Tschechien. Und die schaffen es auch."

Im Moment gäbe es auch keinen Startplatz für ein deutsches Team in der Champions League.
Guidetti: "Aber es will ja auch niemand dort spielen. Wenn ein deutscher Klub teilnehmen will, besteht die Möglichkeit, eine Wildcard zu beantragen. Und die Chancen, eine zu bekommen, sind nicht schlecht. In diesem Jahr sind bei den Frauen sechs davon vergeben worden."

Skizzieren Sie doch bitte mal ein Szenario. Wie soll sich der deutsche Frauen-Volleyball entwickeln?
Guidetti: "Mein Traum ist nicht, dass alle Spielerinnen ins Ausland gehen. Mein Traum ist, dass sie bleiben und der deutsche Volleyball wird wie in der Türkei, Polen oder Spanien, wo ein zwei drei gute Klubs gibt, die den Wettbewerb auf hohem Niveau annehmen. Ich möchte, dass eine Conny Dumler in Deutschland spielt – genauso wie zum Beispiel Corina Ssuschke. Und ich möchte, dass sich mehr Vereine trauen, international und auch Champions League zu spielen. Damit hätten wir auch Möglichkeiten für die jungen Spielerinnen, auf sehr hohem Niveau zu spielen. Gelingt das nicht, wird der deutsche Volleyball ein sehr großes Problem bekommen."

(Conny Kurth)