DVV-Frauen „BEI DER WM IN JAPAN“: Der Fels in der Abwehr – Libero Kerstin Tzscherlich wirft sich seit acht Jahren in die gegnerischen Angriffe!

DVV-Frauen „BEI DER WM IN JAPAN“: Der Fels in der Abwehr – Libero Kerstin Tzscherlich wirft sich seit acht Jahren in die gegnerischen Angriffe! Kerstin Tzscherlich in ihrem Element: der Defensive!

Sie ist der Fels in der deutschen Abwehr, und ihr ist kein Angriff zu hart: Libero Kerstin „Tzscherli“ Tzscherlich (28 Jahre, Dresdner SC) verleiht der deutschen Annahme und Abwehr seit nunmehr neun Jahren Stabilität und Sicherheit. In Japan nimmt sie an ihren dritten Weltmeisterschaften teil und überzeugte bislang mit starken Leistungen.

Die Regeländerung 1998 war für Tzscherlich nicht Gold, aber doch viele Länderspiele, u.a. zwei Teilnahmen an Olympischen Spielen (2000 und 2004) sowie einige Euros wert: Der Libero, ein reiner Defensivspieler, wurde eingeführt, um noch mehr spektakuläre Ballwechsel zu garantieren. Ein Glücksfall für Tzscherlich und für die DVV-Frauen: „Siegfried Köhler sagte damals zu mir. Wenn jemand Libero spielt, dann ich“, erinnert sich Tzscherlich. Die war bis dahin Mittelblockerin und in der Stammformation bei ihrem Verein in Dresden sowie in der Nationalmannschaft (!). Noch im Sommer 1998 sprang sie am Netz hin und her, schmetterte und schlug auf. Heute undenkbar, denn all diese Handlungen sind einem Libero untersagt, mal ganz davon abgesehen, dass ihre Muskelfasern inzwischen auf Libero getrimmt sind (sie hat im Vergleich zu 1998 ca. 10 Zentimeter an Sprungkraft eingebüßt)… Auch Tzscherlich ist sich bewusst, „dass ich als Mittelblocker in der Zukunft keine Chance gehabt hätte, da ich im Block zu schwach war.“

Ihre Volleyball-Karriere begann, als sie zehn Jahre alt war und ihre Mutter sagte, „mach doch mal Volleyball, das habe ich früher in der Schule auch gespielt.“ Aus dem Freizeitsport wurde schnell mehr, „Tzscherli“ kam in das Trainingszentrum Freital, ehe sie als 14-Jährige von Klaus Kaiser nach Dresden geholt wurde. Der hatte ein Jahr zuvor, 1991, die Volleyball-Abteilung des Dresdner SC mitgegründet, bis heute ist Tzscherlich diesem Verein treu geblieben. Dabei hätte sie sicherlich die Möglichkeit, auch mal für einen ausländischen Spitzenklub Bälle zu verteidigen, „doch ich kriege ja mit Giovanni kaum einen geraden Satz in Englisch hin und bin nicht so kontaktfreudig“, räumt die 28-Jährige ein.

In Sapporo und später in Osaka (die deutsche Mannschaft steht als Zweitrundenteilnehmer fest) erlebt Tzscherlich ihre dritten Weltmeisterschaften. Zuvor war sie beim Debakel 1998 dabei (auch in Japan), als die deutsche Mannschaft nach der Vorrunde ausschied („es war mein erstes großes Turnier und ein harter Rückschlag. Wir waren keine Mannschaft, jede war mit sich selbst beschäftigt) und bei der WM 2002 in Deutschland. „Damals sind wir glücklich in die zweite Runde gekommen und haben es dann selber versaut. Unser Pulver war im Sommer mit dem Grand Prix schon aufgebracht“, resümiert der Libero. 2006 träumt sie von einer Platzierung unter den ersten acht Teams, „es wäre total geil, wenn wir das schaffen würden, so einen WM-Erfolg hatte ich noch nie. Wir würden uns freuen“, erlaubt sie sich fast einen kleinen Gefühlsausbruch. Wie alle anderen betont auch Tzscherlich den starken Zusammenhalt innerhalb des Teams: „Es macht irre viel Spaß, selbst wenn wir Sätze verlieren, ist eine Mannschaft auf dem Feld, die immer kämpft und alles versucht, um das noch umzubiegen. Das war in der Vergangenheit nicht immer so und ist auch ein großer Verdienst von „Gio“ (Giovanni Guidetti, Anm. d. Red.), der uns immer motiviert und Selbstbewusstsein gibt.“ Der Angesprochene geizt nicht mit Lob, wenn er von seiner Abwehrspezialisten spricht: „Ich weiß nicht, ob sie es weiß, aber sie ist eine der drei, vier besten Liberos in der Welt.“ Um dort hinzukommen, benötigt ein Libero vor allem eine gute Technik, Antizipationsfähigkeit und Mut. Vor allem die Angriffe, die mit bis zu 100 Km/h anfliegen, können einem Angst einjagen, oder „Tzscherli“? „Ich muss jetzt wohl nein sagen, aber mir ist es schon lieber, wenn ein gut formierter Doppelblock steht. Gerade bei den Einbeinern wünsche ich mir manchmal Helm und Schutzkleidung, da gibt es kaum Zeit zu reagieren“, sagt sie.

Foto
Foto DVV: Kerstin Tzscherlich bei einer kleinen Auszeit.

Als Libero ist sie eine der wichtigsten Spielerinnen im Team, dennoch erkennen viele Nicht-Kenner den Wert der in einem andersfarbigen Trikot gekleideten Spielerinnen nicht an. Die Angreifer bestechen durch ihre Härte, die Zuspieler durch ihre Raffinesse, doch Tzscherlich kann damit gut leben: „Daran gewöhnt man sich, ich stehe eh nicht so gerne im Mittelpunkt. Wenn man Sch… spielt, kriegt man einen auf den Deckel, beim Sieg wird der Angreifer gefeiert. Als Libero ist man immer der Arsch.“

Neben ihrer Libero-Tätigkeit ist Tzscherlich noch aus einem anderen Grund unentbehrlich für die DVV-Frauen: Die Dresdnerin ist seit dem vergangenen Sommer Kassenwartin und in diesem Job so unerbittlich und zäh wie in der Abwehr gegen Gamova, Yang oder Mammadova. Hier nur ein kurzer Auszug aus dem Strafenkatalog: zu spät kommen: 50 Cent pro Minute / etwas vergessen oder falsche Kleidung an: 1 Euro / Handy an beim Essen oder öffentlichem Auftritt: 5 Euro. Kein Wunder, dass Bundestrainer Giovanni Guidetti irgendwann 50 Euro auf den Tisch legte und erstmal seine Ruhe hat… Das Geld wird für Geburtstagsgeschenke der Delegationsmitglieder oder beispielsweise eine Massage für Physiotherapeut Patrick Rißler verwendet, „insgesamt decken die Einnahmen die Ausgaben“, so Tzscherlich. Und wenn dann am Ende des Jahres doch etwas übrig bleibt? „Wenn wir einen Grund haben zu feiern, dann wird das auf den Kopf gehauen“, sagt die Finanzchefin.

„Tzscharlin“, wie sie von Guidetti gerufen wird, hat übrigens ein ungewöhnliches Hobby: „Ich sammle Bierdeckel und müsste jetzt ca. 8.000 verschiedene haben. Die sortiere ich nach Form und Alphabet“, so Tzscherlich. Da passt die Beschreibung von Physio Patrick Rißler, der über Tzscherlich sagt: „Sie ist die ,Tante’ der Mannschaft, die alles regelt und organisiert.“ Beim Dresdner SC hat sie es gar schon zur ,Oma’ geschafft, „sie ist die Älteste bei uns, trotzdem benimmt sie sich manchmal wie eine Fünfjährige, wenn sie etwas will“, lacht Vereins-Kameradin Corina Ssuschke, die ergänzt: „Wenn sie lacht, muss sie immer weinen, weil sie aus ganzem Herzen lacht.“ Da könnte es im Zimmer bei der WM in Japan doch ziemlich laut werden, könnte man meinen. Doch Zimmerkollegin Cornelia Dumler wiegelt ab: „Sie spielt entweder den ganzen Tag am Handy (ihres geht in Japan aber nicht) oder Sukoku (besondere Rätselform). Und weil wir beide auch gerne unsere Ruhe haben, ist es sehr angenehm mit ihr.“

Alles gut also in Japan, oder doch nicht? „Ich mag das Essen in Asien nicht und esse seit zwei Wochen Nudeln, Nudeln, Nudeln. Ich freue mich schon jetzt auf zu Hause, weil mein Freund mir dann Rouladen mit Kartoffeln und Rotkohl kocht.“

Kerstin Tzscherlich im Portrait