Olympische Spiele 2004: Interview mit Stephanie Pohl/Okka Rau!
In der Interview-Reihe vor den Olympischen Spielen in Athen kommen als letzte Sportler, die Beach-Europameisterinnen von 2003, Stephanie Pohl/Okka Rau, zu Wort. Der Abdruck aller Interviews ist natürlich honorarfrei, kostenfreies Fotomaterial kann geliefert werden.
Nach der frühzeitig feststehenden Qualifikation 2003 habt ihr eine schwache zweite Olympia-Qualifikationshälfte 2004 gespielt. Was waren die Gründe?
Pohl: „Am Trainer lag es definitiv nicht. Double Elimination (Doppel-KO-System, Anm. d. Red.) ist auch deutlicher schwieriger als Pool Play. Wir haben am Anfang der Saison viele Spiele im dritten Satz verloren, da verliert man irgendwann etwas Selbstbewusstsein.“
Rau: „Wir haben mit einem neuen Trainer zusammen gearbeitet, der unser Spiel ziemlich auf den Kopf gestellt hat. Grobe Veränderungen brauchen Zeit. Am Anfang hatten wir ein paar unglücklich knappe Spiele, die uns dann vom Kopf her ein wenig belastet haben. Es fehlte das Selbstvertrauen.“
Haben vielleicht die außersportlichen Aktivitäten wie Presse- und Promotion-Termine überhand genommen?
Pohl: „Nein.“
Rau: „Es gab eine Menge in diesem Jahr. Klar ist das auch belastend, aber unser Sport und ihre Athleten müssen glücklich um jede Art des Medieninteresses sein. Wir sind oft bereit, Termine in unseren wenigen Tagen zu Hause wahrzunehmen. Darin einen Grund zu suchen, halte ich für übertrieben. Wir sind eben keine Profifußballer, die bei jeder Form von Zuschauernähe oder Journalisten gleich ausfallend abwinken. Darüber bin ich froh.“
Warum habt ihr, obwohl erfolgreich, einen Trainerwechsel vollzogen und seid von Olaf Kortmann zu Marco Solustri gewechselt?
Pohl: „Olaf hat uns mit unserem Spiel an unsere eigenen Grenzen gebracht. Wir wollten die Grenzen überschreiten.“
Rau: „Olaf arbeitet sehr erfolgreich in Bereich der Unternehmensberatung. Zu erfolgreich, um für uns die nötige Zeit aufzubringen. Leider.“
Im Nachhinein sicherlich ein Fehler, oder?
Pohl: „Nein.“
Rau: „Nein, in keinem Fall. Wir sind bereit alles zu geben und haben daher auch Schritte gewählt, die unser Umfeld noch besser werden lassen. Lorbeeren erntet man manches Mal erst später. Das wissen Stephie und ich nur allzu gut. Man muss eben auch mal schwierige Zeiten überstehen, ohne gleich an allen Entscheidungen zu zweifeln. Ist wie im richtigen Leben - ohne Ball.“
Wie habt ihr es empfunden, drei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele, die Kündigung von Solustri erhalten zu haben?
Pohl: „Ich bin persönlich enttäuscht. Darüber denke ich jetzt aber schon nicht mehr nach. Das Leben geht weiter.“
Rau: „Ich bin persönlich enttäuscht, da ich, wie oben schon erwähnt, zu Entscheidungen und Absprachen stehe. Man steht eine Saison gemeinsam durch. Und nebenbei gesagt, war die Saison nicht eine solche Katastrophe wie in den Medien oft wiedergegeben.“
Wie sieht jetzt eure Betreuung und Vorbereitung bis zu den Olympischen Spielen aus?
Pohl: „Uns wird Bernd Schlesinger, der Trainer von Christoph Dieckmann/Andreas Scheuerpflug, betreuen.“
Rau: „Wir konnten viel Positives aus der veränderten Situation ziehen. Wir haben uns zu Hause im tiefen Sand von Kiel mit unseren altbewährten Sparringspartnern auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Zu Hause schläft man am besten, isst man am leckersten (ich bei meinen Eltern) und fühlt sich geborgen durch Familie und Freunde. Wir haben viel Energie gezogen, die wir in den letzten Monaten verloren haben...Eine optimale, wenn auch vielleicht etwas andere Vorbereitung, auf die verbleibenden Wochen.“
Direkt nach der Trennung habt ihr einen ordentlichen 9. Platz beim Grand Slam in Klagenfurt belegt. Ein erster Fingerzeig für Besserung?
Pohl: „ Wir haben in Klagenfurt sehr gut gespielt. Da hat es sich für mich persönlich gezeigt, dass wir alles richtig gemacht haben.“
Rau: „Wir spürten keinen Druck und waren wieder auf uns selbst gestellt. Vielleicht ist das die Art wie Pohl/ Rau gut spielen können.“
Kommen wir zum Olympischen Turnier. Ihr seid mit Cook/Sanderson (AUS), Lu Wang/You (CHN) und Yanchulova/Yanchulova (BUL) in einer Gruppe. Wie beurteilt ihr die Auslosung?
Pohl: „Die Gruppe ist schwierig einzuschätzen. Alle Teams sind schlagbar, aber andererseits auch zu sehr guten Leistungen fähig. Bei den Olympischen Spielen kommt es ja eh immer anders als man denkt. Mal schauen. Gut spielen, das ist unser Ziel.“
Rau: „Hätte schlechter sein können, aber in Athen kann jeder gut spielen. Die großen Interpretationen und Vorab-Analysen anzustellen, halte ich für unsinnig. Der Bessere gewinnt.“
Wie beurteilt ihr den Modus mit Gruppenphase und anschließendem Einfach-KO sowie der Tatsache, dass ihr alle zwei Tage nur ein Spiel habt?
Pohl: „Die Bedingungen sind für alle gleich. Pool Play finde ich OK auch den KO-Modus. Man hat mindestens drei Spiele und danach, wenn es dazu kommt, kann man auch Glück haben und ein gutes Los erwischen. Falls gute Teams mal einen schlechten Tag haben, sind sie auch aus dem Turnier und nicht in der „Loserrunde“.“
Rau: „Ich persönlich halte Pool Play für ein schlechtes System. Wir werden auch in Athen wieder erleben, wie Absprachen stattfinden innerhalb der Pools. Wir sollten alles dafür tun, dass der Sport so fair wie möglich gespielt werden kann. Alle 2 Tage ein Spiel zu haben, erfordert äußerste Konzentration und einen gute Tagesplanung. Wir werden auf Bernd Schlesingers' Hilfe zurückgreifen und gucken, wie wir mit der Situation klarkommen. Geht ja zum Glück allen so.“
Bereitet ihr euch auf diesen ungewöhnlichen Modus – normalerweise wird ein gesamtes Turnier in drei Tagen absolviert - vor? Habt ihr euer Training diesbezüglich umgestellt?
Pohl: „Am Spieltag kann man nach dem Spiel noch leichtes Krafttraining machen und am nächsten Tag 1x trainieren. Das ist gut zu planen. Mental muss man sich darauf einstellen, dass man ständig ein neues Turnier anfängt. Nur weil man das erste Spiel gewinnt, heißt das nicht, dass man in zwei Tagen wieder genauso gut in Form ist. Genauso ist das auch, falls man verliert.“
Rau: „Nein. Wir werden nur versuchen, in Athen nachts um 23 Uhr bei Flutlicht zu trainieren. Für mich als Nachtblinde und Früh-ins-Bett-Geherin stellt das eine größere Herausforderung dar...“
Welche Teams spielen um die Medaillen?
Pohl: „Alle.“
Rau: „Walsh/May sind ganz klarer Favorit. Sicher werden Adriana/Shelda sowie McPeak/Youngs vorne mitmischen.“
Ist es für euch vorteilig, dass das Augenmerk und auch die Erwartungen nun nicht mehr so extrem auf euch gerichtet sind?
Pohl: „Man hat eh nur Erwartungen an sich selbst. Was extern an mich für Erwartungen gestellt werden, interessiert mich nicht. Jeder Wettkampf hat eh nur die Bedeutung, die man ihm selbst gibt.“
Rau: „Wieso? Erwartet jetzt keiner mehr eine Medaille und vorher waren wir klarer Kandidat? Nein, ich versuche mich nicht mit Erwartungen von außen zu befassen. Habe mir meinen eigenen schon genug zu tun.“
Wie sieht für euch die Betreuung vor Ort aus, alle drei anderen DVV-Duos haben ihren Trainer dabei?
Rau: „Wir werden unterstützt von Bernd Schlesinger sowie den norwegischen Trainern der Teams Hakedal/Torlen und Maaseide/Glesnes; zu denen haben wir ein freundschaftliches Verhältnis. Bernd hat uns sofort Hilfe angeboten, die ich äußerst dankbar angenommen habe.“
Was wäre eigentlich gewesen, wenn sie einer von euch so schwer verletzt hätte, dass er nicht hätte in Athen teilnehmen können?
Pohl: „Wir haben keinen Ersatzspieler angegeben.“
Rau: „Wir hätten uns beide mit Rotweinflaschen an den Strand gesetzt und 2 Wochen kein Fernsehen geguckt.“
Beach-Volleyballer spielen manchmal - in Ermangelung von Gegnern - im Training "1 gegen 1". Wer gewinnt das interne Duell?
Pohl: „Beim „Baggertennis“ gewinnt Okka, beim „normalen 1:1“ meistens ich.“
Rau: „Stephie, weil ich sie nicht verlieren sehen kann ;-)))“