„Wir müssen an unsere Chance glauben“ - Lukas Kampa im Interview

Foto CEV: Der Kapitän Lukas Kampa blickt auf den nächsten Gegner. Foto CEV: Der Kapitän Lukas Kampa blickt auf den nächsten Gegner. Mit einem 3:1-Erfolg gegen die Niederlande hat Deutschland zum vierten Mal in Folge das Viertelfinale bei einer Europameisterschaft erreicht. Einen Tag nach dem Sieg spricht Kapitän Lukas Kampa über den Richtungswechsel nach einer durchwachsenen Vorrunde und blickt auf das Viertelfinale am Montag gegen Weltmeister Polen (20:00 Uhr, live auf SPORT1+).

Lukas, Deutschland steht nach einer starken Leistung im EM-Viertelfinale. Die Nacht dürftest du doch am besten geschlafen haben?

„Ehrlich gesagt hatte ich die schlechteste Nacht seit langem (lacht). Ich bin gegen halb vier aufgewacht und habe seitdem nicht mehr geschlafen. Dennoch ist man heute Morgen mit einem viel besseren Gefühl aufgestanden, weil es nicht im Kopf gerattert hat. Nach dem Sieg gegen die Niederlande ist einfach sehr viel Anspannung abgefallen.“

Gab es im Achtelfinale einen Punkt, wo du gemerkt hast, dass die Mannschaft hellwach ist und du wusstest, dass es mit der Einstellung heute ganz schwer wird, wenn man Euch schlagen will?

„Für mich war es insgesamt der erste Satz. Ich hatte vor dem Spiel zwar ein sehr gutes Gefühl, aber das hatte ich in anderen Spielen auch, daher trügt das manchmal. Dennoch war schon in der Kabine die Anspannung, Aggressivität und Konzentration spürbar anders. Als die Niederlande früh die erste Auszeit genommen hat, war für mich klar, dass dies heute ein anderes Gefühl auf dem Feld war. Jeder war einen Tick mehr entschlossen, als in der Vorrunde. Da habe ich gemerkt, dass wir schwer zu schlagen sein werden.“       

Wie wichtig war es, dass ihr Euch nach dem Spiel gegen Spanien noch einmal zusammengesetzt habt?

„Wichtig daran war, dass nach so einem Moment nicht jeder auf sein Zimmer schleicht und man 14 Leute hat, bei denen die Gedanken in verschiedene Richtungen gehen. Für uns war es gut, dass wir zusammengekommen sind und diese Gedanken in eine gemeinsame Richtung gelenkt haben, am Ende musste es aber jeder Einzelne mit sich ausmachen. Daher würde ich sowas nicht überwerten oder davon ausgehen, dass eine Sitzung alles ändert, aber es war wichtig, dass wir in der schwierigsten Phase des Turniers zusammengeblieben sind und gemeinsam einen Ausweg gefunden haben.“   

Ist es vielleicht auch der Modus, der Fehler verzeiht? Immerhin sind mit Belgien und Niederlande im Achtelfinale zwei Gruppenzweite ausgeschieden, denen eine starke Vorrunde am Ende nicht viel mehr als Sympathiepunkte gebracht hat.

„Sicher verzeiht eine Vorrunde mit fünf Spielen mehr Fehler. Hätten wir diese Leistung im alten Modus gezeigt, dann wären wir wahrscheinlich schon zu Hause. Wir hatten in dem Fall das Glück, dass wir auch mit unserer durchschnittlichen Leistung genug Punkte sammeln konnten und im Turnier geblieben sind. Man hat gestern beim Spiel der Belgier aber auch gesehen, dass eben nicht alles so ausrechenbar ist und man als Favorit, wenn man plötzlich anfängt nachzudenken, auch gegen einen Underdog verlieren kann. Uns ist das in der Vorrunde auch passiert. Gestern haben wir es dann geschafft und waren im richtigen Moment da.“    

Am Montag warten Weltmeister Polen und über 6.500 gegnerische Fans, die diese Partie zu einem Heimspiel für ihr Team machen werden. Wie sehr kann Euch diese Atmosphäre noch einmal auf ein neues Level pushen?

„Ich habe richtig Lust auf das Spiel und die Atmosphäre. Es ist klar, dass wir am Montag nicht der Favorit sind, weil Polen im Moment auf einer Euphoriewelle schwebt. Sowohl das Land und die Fans als auch die Mannschaft, die einfach sehr stabil auftritt. Man hat aber auch gestern gemerkt, dass uns eine volle Halle entgegenkommt und wenn wir K.o.-Charakter haben. Montag wird der Druck sowohl vom spielerischen Niveau als auch von den Fans her noch einmal erheblich größer. Wir haben aber schon des Öfteren gezeigt, dass wir in solchen Phasen da sind und uns nicht beeindrucken lassen.“                   

Foto CEV: 6.500 polnische Fans waren schon beim Achtelfinale ihres Teams dabei. Foto CEV: 6.500 polnische Fans waren schon beim Achtelfinale ihres Teams dabei.

Wird das Spiel am Montag – anders ausgedrückt – trotzdem Eure leichteste Aufgabe?

„In gewisser Weise schon. Wir sollten aber nicht den Fehler machen und es zu locker angehen. Wir müssen an unsere Chance glauben und in den richtigen Momenten als Team da sein. Es wird eine Herkulesaufgabe, aber wenn wir die angehen, wie es sich gehört, dann werden sich für uns Chancen ergeben.“   

Was bedeutet dir das Spiel gegen Polen und Ex-Bundestrainer Vital Heynen?

„Für mich spielt das keine große Rolle mehr, weil es nicht das erste Mal ist, dass wir gegeneinander spielen und Vital auf der anderen Seite steht. Für mich ist dies der kleinste Aspekt des Spiels. Da sollten wir uns auf andere Dinge konzentrieren, die technisch und taktisch wichtig sein werden.“

Ist es ein Vorteil, dass der Stamm der Mannschaft Vital so gut kennt oder siehst du wiederum bei ihm den großen Vorteil, weil er mit Euch so lange zusammengearbeitet hat und Euch als Spieler in und auswendig kennt?  

„Weder noch. Vital wird sich nicht darauf fokussieren, was in der Vergangenheit war, dafür ist zu viel Zeit vergangen. Darüber sollten wir uns nicht so viele Gedanken machen.“      

Mit Wilfredo León hat der Weltmeister den im Moment wohl besten Spieler der Welt noch einmal hinzu bekommen. Wie könnt ihr Polen trotzdem stoppen?  

„Polen ist auf allen Positionen doppelt auf Weltklasse-Niveau besetzt. Der Aufschlag wird sehr entscheidend sein. Bei Polen will man den Ball definitiv so weit wie möglich vom Netz weghalten. Sie dürfen einfach nicht zu viel schnell spielen, weil sie auch sehr starke Angreifer in der Mitte haben. Über einen starken Aufschlag müssen wir Situationen kreieren, in denen wir ihnen einen starken Block entgegenstellen können. Auf der anderen Seite müssen wir ihren Block über eine gute Annahme aushebeln. Gerade die „Aufschlag-Bomben“ von León werden eine große Herausforderung. Wenn das gelingt, dann kann es ein offenes Spiel werden, in dem sich Chancen für uns ergeben.“

EM-Kader

Nr. Name Position Verein Alter
1 Christian Fromm Außenangriff Jastrzebski Wegiel 29
2 Tobias Krick Mittelblock UV Frankfurt 20
3 Ruben Schott Außenangriff Trefl Gdánsk 25
5 Moritz Reichert Außenangriff BR Volleys 24
6 Denys Kaliberda Außenangriff Azimut Modena 29
8 Marcus Böhme Mittelblock St. Petersburg 34
9 Georg Grozer Diagonalangriff Zenit St. Petersburg 34
10 Julian Zenger Libero BR Volleys 22
11 (C) Lukas Kampa Zuspiel Jastrzebski Wegiel 32
12 Anton Brehme Mittelblock SVG Lüneburg 20
13 Simon Hirsch Diagonalangriff Vibo Valentia 27
14 Moritz Karlitzek Außenangriff Top Volley Latina 23
15 Noah Baxpöhler Mittelblock Spacer’s de Toulouse 26
17 Jan Zimmermann Zuspiel Greenyard Maaseik 26
Ø 26,5
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