„Wir wollen den nachhaltigen Anschluss an die Weltspitze herstellen“

Foto CEV: Sportdirektor Christian Dünnes spricht über das zukünftige Nachwuchs-Konzept Foto CEV: Sportdirektor Christian Dünnes spricht über das zukünftige Nachwuchs-Konzept Das Jahr 2017 war zweifellos eines der erfolgreichsten in der Geschichte des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV). Doch um auch in Zukunft mit der Weltspitze mithalten zu können, entwickelt der DVV, unter Federführung von Vize-Präsident Dr. Heinz Wübbena und Sportdirektor Christian Dünnes, gemeinsam mit der Volleyball Bundesliga und den Landesverbänden ein Nachwuchskonzept, das den nachhaltigen Anschluss an die Weltspitze herstellen und mehr Kinder und Jugendliche für die Sportarten Hallen- und Beach-Volleyball begeistern soll. Im Interview spricht Christian Dünnes über die Inhalte, die Ziele und die Regulierung von ausländischen Spielern in der VBL.

Herr Dünnes, Sie haben beim Hauptausschuss und der Sportwartetagung  zusammen mit Vize-Präsident Dr. Heinz Wübbena darüber gesprochen, dass Sie in den kommenden Monaten ein neues Nachwuchskonzept entwickeln wollen. Könnten Sie hier kurz den aktuellen Stand und die geplanten Schritte erläutern?

"Sie sollen dazu führen, dass im deutschen Volleyball alle Beteiligten an einem Strang ziehen."

Christian Dünnes

Das besondere am Nachwuchskonzept, das bis Mitte kommenden Jahres stehen soll, ist, dass es ein gemeinsam entwickeltes und umzusetzendes Konzept mit der VBL und den Landesverbänden sein wird. Dazu wird eine Arbeitsgruppe aus neun Personen gebildet werden, die ab Ende Januar in regelmäßigen Abständen tagen wird. Bei diesen Treffen wird die Grundausrichtung des Konzeptes besprochen und es werden Arbeitsaufträge an Expertengruppen zu bestimmten Themen vergeben. Die Vorschläge der Expertengruppen sollen zu einem Nachwuchskonzept zusammengefügt werden.

Welche Kernpunkte beinhaltet das neue Konzept?

Das Konzept wird vier Phasen umfassen. In der ersten Phase geht es um die Zeit vor der Landeskadersichtung. Hier verfolgen wir das Ziel, mehr Kinder für den Volleyball-Sport zu begeistern. Die Folge wird sein, dass mehr Mitglieder, Fans und im besten Fall Talente gefunden werden. Teil dieser Phase sollte ein Schulsport- und ein Vereinsentwicklungskonzept sein.

Die zweite Phase beinhaltet den Zeitraum bis zum Eintritt in unser Bundesstützpunktsystem. Für diesen Altersbereich sehen wir die Notwendigkeit das Sichtungssystem des DVV und jene der Landesverbände auf den Prüfstand zu stellen.

Die dritte Phase ist unser klassisches Stützpunktsystem. Die Überarbeitung des Bundesstützpunktsystems ist auch durch die Anforderungen der Spitzensportreform dringend geboten und wir erhoffen uns dadurch die Bedingungen für unsere Kaderathleten zu verbessern.

Die letzte Phase beschäftigt sich mit der Förderlücke, die wir im Übergang von unserem Stützpunktsystem in die Bundesliga und Erwachsenennationalteams ausgemacht haben. Hier wollen wir mit der Schaffung einer B-Nationalmannschaft und einer Verpflichtung zum Einsatz von für die deutschen Nationalteams spielberechtigten SpielerInnen in der Bundesliga für bessere Bedingungen sorgen. Weitere, phasenübergreifende Konzepte beschäftigen sich mit der kombinierten Ausbildung (Hallen- und Beachvolleyball), der dualen Karriere der Athleten und es wird eine Trainerkonzeption, ein Ausbildungskonzept und ein Konzept zur Wettkampfstruktur auf nationaler und internationaler Ebene geben.

Was versprechen Sie sich von den angekündigten Maßnahmen?

Sie sollen dazu führen, dass im deutschen Volleyball alle Beteiligten an einem Strang ziehen, um das Beste für unseren Sport zu erreichen. Dies ist nur möglich, wenn das Vorgehen abgestimmt ist und die Zahnräder in unserem Nachwuchsgetriebe sauber ineinander greifen. Wir wollen viel mehr Kinder zu unserem Sport bringen und daraus mehr Talente herausfiltern, diese besser fördern und dadurch die Basis für zukünftige Erfolge legen.

Foto CEV: Tobias Krick (rechts) hat den Sprung aus dem Nachwuchsbereich zur A-Nationalmannschaft erfolgreich geschafft. Foto CEV: Tobias Krick (rechts) hat den Sprung aus dem Nachwuchsbereich zur A-Nationalmannschaft erfolgreich geschafft.

"Allerdings gibt es auch Grund zur Besorgnis."

Christian Dünnes

Wie betrachten Sie rückblickend die Nachwuchsarbeit der letzten Jahre?

Das Jahr 2017 war sportlich gesehen eines der erfolgreichsten in der Geschichte des DVV und in den Jahren davor hat es im Hallen-Bereich und vor allem im Beach-Bereich viele Medaillen und Erfolgserlebnisse gegeben. Diese Erfolge spiegeln die Nachwuchsarbeit in den letzten 20 Jahren wieder. Hier wurde überwiegend gute Arbeit geleistet. Allerdings gibt es auch Grund zur Besorgnis, wie zum Beispiel die Ergebnisse im Juniorenbereich (Halle) der letzten zehn Jahre, die verpasste WM-Qualifikation der Männer (Halle), das aktuelle Leistungsvermögen der Männerteams und die Talentlage im weiblichen Nachwuchs (Beach).

Welche Zielstellungen haben Sie sich gesetzt?

Wir wollen den nachhaltigen Anschluss an die Weltspitze, sowohl in der Halle als auch im Beach, halten oder herstellen. Im Hallenbereich bedeutet dies, unter den ersten sechs Teams in Europa und unter den ersten acht Teams in der Welt zu sein. Es bedeutet aber auch weitere Podestplätze bei EM, WM und Olympia zu erreichen.

Wo liegen im Moment die größten Schwachpunkte des Ist-Zustandes?

Der Sport in Deutschland ist unterfinanziert. Trotzdem gibt es viele Vereine, Trainer und Institutionen, die gute Arbeit leisten. Das Vorgehen ist allerdings zu wenig abgestimmt und die Anstrengungen verlieren dadurch an Wirkung. Außerdem müssen wir davon unabhängig Spielern und Trainern eine Zukunft im Leistungsvolleyball bieten um international erfolgreich sein zu können. Dies haben wir in den letzten Jahren nur unzureichend geschafft.

Trotz aller Kritik haben die Männer gerade bewiesen, dass sie auch mit einer sehr jungen Mannschaft EM-Silber gewinnen können, und auch bei den Frauen wurde der im letzten Jahr eingeleitete Umbruch erfolgreich gemeistert. Warum haben Sie sich trotzdem zu diesem Schritt entschieden?

Das neue Nachwuchskonzept wird seine Wirkung erst nach Tokio 2020 und teilweise nach Paris 2024 erreichen. Es ist aber unverzichtbar, die Zukunft jetzt zu gestalten um mittel- und langfristig erfolgreich zu sein. Außerdem verpflichtet der Leistungssport dazu, sich ständig selbst zu hinterfragen und jede Möglichkeit der Verbesserung auszunutzen.

Ein wichtiges Thema ist auch die Regulierung von ausländischen Spielern in den Volleyball-Bundesligen, für das zuletzt kein gemeinsamer Nenner gefunden werden konnte. Wie gehen Sie mit dem Thema um?

Wir haben die Einführung der Ausländerregulierung um ein Jahr auf den Beginn der Saison 2019/2020 verschoben um in der gebotenen Ruhe an einem Konzept zu arbeiten, welches nicht nur die Förderlücke zwischen Junioren- und Erwachsenennationalteams bearbeitet, sondern einen roten Faden durch die gesamte Nachwuchsarbeit bietet. Dies ist ein sinnvoller Schritt, der auch ein Entgegenkommen an die Vereine der ersten Liga darstellt. Wir sind durch die Ausländerregulierungen in praktisch allen wichtigen europäischen Ligen zum Handeln gezwungen und versprechen uns davon mehr deutsche Spieler in Lohn und Brot zu bringen. Und nicht zuletzt mehr Spieler, die sich für die Nationalmannschaften anbieten können.

Viele Vereine bei den Männern haben vorher klar gemacht, dass sie mit dieser Regel den Anschluss in Europa verlieren würden. Wie sehen Sie das?

Jede Ausländerregulierung, die eingeführt würde, wäre äußerst soft und würde das Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der Vereine achten. Hinzu kommt, dass wir gerade bei den Männern eine Vielzahl an Topspielern im In- und Ausland haben, die das internationale Top-Level spielen können. Außerdem wird der aktuelle Juniorenjahrgang den Bundesligavereinen und der Nationalmannschaft in den nächsten Jahren, sowohl in Hinsicht Qualität als auch Quantität, viel Freude bereiten.

Wo sehen Sie die Bundesligen im Moment im internationalen Vergleich?

Die Bundesligen haben sich in den letzten Jahren stark verbessert, sind deutlich professioneller geworden und können international gut mithalten. Ich sehe im männlichen Bereich, was die Leistungsdichte und Ausgeglichenheit der Ligen angeht, Russland, Italien, Polen und mit Abstrichen Frankreich vor uns. Im weiblichen Bereich ist neben den extrem starken türkischen und russischen Ligen noch die italienische der VBL etwas voraus. Insgesamt ist die VBL auf einem guten Weg und ich bin mir sicher, dass sie in den nächsten Jahren im internationalen Vergleich weiter aufholen kann.

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